Page - 153 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Weder Held noch Opfer
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die eigene Wohnung und exzessivem Alkoholkonsum reduziert er in der Arbeit
den Kontakt zu anderen Menschen auf das Nötigste: „Удивлялись, правда,
когда я им говорил по телефону, что работаю один, но потом при встрече
больше не удивлялись“ (G, 226) [„Sie wunderten sich zwar, wenn ich ihnen am
Telefon erklärte, dass ich allein arbeite, doch wenn sie mich dann sahen, wun-
derten sie sich nicht mehr“ (G, 16)].
Die selbstgewählte Distanz zu Menschen wird jedoch von außen bestätigt,
wenn unterschiedliche Menschen vor dem Anblick des verbrannten Gesichts
zurückschrecken. Dies gilt nicht nur für Klienten, sondern etwa auch für einen
Polizisten, womit der unprofessionelle und unsensible Umgang mit Kriegs-
versehrten durch die offiziellen Behörden kritisiert wird: „Но мы с ними и не
дрались. Просто этот маленький мент сказал, что с моей рожей не по вокза-
лам ездить, а дома сидеть. Чтобы пассажиры не пугались“ (G, 287) [„Aber
wir hatten uns nicht geprügelt. Dieser kleine Bulle hatte nur gesagt, mit meiner
Visage sollte ich nicht auf dem Bahnhof rumhängen, sondern besser zu Hause
bleiben. Um die Passagiere nicht zu erschrecken“ (G, 83–84)].
Im Handlungsverlauf erlangt Kostja Eigenständigkeit und Selbstwert
gefühl
zurück. Er wird zum verstehenden Beobachter der Gesellschaft, womit Gelasimov
der von außen festgeschriebenen Kriegsidentität eine weitere Ebene von Iden-
tität – ein inneres, frei wählbares Selbstgefühl – gegen
überstellt, die es seiner
Figur ermöglicht, ihr Kriegstrauma zu überwinden und sich gesellschaftlich neu
zu verankern.
Ein weiteres Thema bilden innergesellschaftliche Subgruppen. Der Protago-
nist und andere aus Tschetschenien Heimgekehrte bilden ein von der Gesellschaft
abgegrenztes soziales Gefüge, das Kameradschaften pflegt, obwohl zugleich auch
Feindschaften bestehen. Gelasimov thematisiert kollektive Identität dabei außer-
dem als strenge Abgrenzung zwischen Gruppen von Kriegsakteuren in unter-
schiedlichen Funktionen und im Kontext unterschiedlicher Kriege. Dazu zählt
auch die Figur von Kostjas Vater, der ungeachtet seines Offiziersranges noch nie an
einem Krieg teilgenommen hat, wofür ihn dessen Freunde mit Verachtung strafen:
– А вы сами в каком звании? – Подполковник. – Круто! Воевали уже? Горячие точки?
Афганистан? Отец посмотрел на Генку, и глаза у него чуть сузились. – Нет, не при-
шлось. Я занимаюсь кадровой работой. (G, 254)
– Welchen Dienstrang haben Sie denn? – Oberstleutnant. – Stark! Haben Sie gekämpft? Hot
Spots? Afghanistan? Mein Vater sah Genka an, und seine Augen verengten sich leicht. –
Nein, dazu hatte ich noch keine Gelegenheit. Ich leiste Kaderarbeit. (G, 47–48)
Allerdings verbindet Gelasimov die abschätzigen Bewertungen aufgrund von
physischer oder psychischer Verfassung und biografischen Begebenheiten mit
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher