Page - 170 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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170â â Dagmar Gramshammer-Hohl
Selbstwahrnehmung der Protagonist*innen als Opfer begrĂŒndet, jeweils besteht;
ob die verschiedenen Leidensgeschichten und -erfahrungen als vergleichbar dar-
gestellt werden; und welche Konfliktlösungsmodelle die Texte anbieten. Beson-
deres Augenmerk wird dabei auf die dafĂŒr gewĂ€hlten narrativen Mittel gerichtet
werden sowie auf die Funktion, die sie im jeweiligen Text erfĂŒllen.
Behandelt werden der RĂŒckkehrroman LâIgnorance [Die Unwissenheit]
(2000) des tschechisch-französischen Schriftstellers Milan Kundera sowie zwei
auf Englisch verfasste Romane der aus Bosnien stammenden Autoren Alek-
sandar Hemon (Nowhere Man, 2002) und Ismet PrciÄ (Shards, 2011). Kunderas
Roman ist ein herausragendes Beispiel fĂŒr eine literarische Auseinandersetzung
mit direkten konflikthaften Konfrontationen von aus der Emigration ZurĂŒck-
gekehrten und niemals Fortgegangenen. PrciÄs und Hemons Texte wiederum
verarbeiten imaginĂ€re Begegnungen und GegenĂŒberstellungen von Leid, die
im Inneren der Protagonisten ausgetragen werden. Die von PrciÄ und Hemon
gewÀhlten erzÀhlerischen Mittel weisen dabei, wie zu zeigen sein wird, interes-
sante Parallelen auf.
Die Frage mag sich stellen, ob diese verschiedenen Texte und Kontexte mitei-
nander vergleichbar seien; sie ist mit einem klaren âJaâ zu beantworten. Wiewohl
die Romane sich auf unterschiedliche historische Rahmenbedin
gungen und geo-
grafische RĂ€ume beziehen, sind sie doch durch eine gemeinsame Klammer ver-
bunden, nÀmlich durch die Erfahrung von unfreiwillig erfolgter Emigration einer-
seits und durch die Erfahrung, sich der verhÀngnisvollen politischen Situation
gestellt und sein Land nicht im Stich gelassen zu haben, auf der anderen Seite.
Als transnational sind die hier analysierten Texte insofern zu betrachten, als
sie den Rahmen des Nationalen âsprengenâ und keiner Nationalliteratur zuzuord-
nen, sondern in den âAuĂenbezirkenâ der Nationalliteraturen angesiedelt sind
(Sturm-Trigonakis 2007, 13, 242). Alle drei Autoren sind offensichtliche Beispiele
fĂŒr Bindestrich-IdentitĂ€ten (Hausbacher 2009, 36): Milan Kundera, der als Autor
des tschechischen Romans Nesnesitelnå lehkost bytà [Die unertrÀgliche Leichtig-
keit des Seins] (1984) groĂe Bekanntheit erlangt hat, ging Mitte der 1970er Jahre
als Gastprofessor nach Frankreich; bald darauf wurde ihm die tschechoslowaki-
sche StaatsbĂŒrgerschaft entzogen, und er fand sich im Exil wieder (Behring et al.
2004, 44). Er schrieb zunÀchst weiterhin auf Tschechisch, schuf 1993 jedoch seinen
ersten französischen Roman, La Lenteur [Die Langsamkeit], der 1995 erschien. Seit
damals schreibt er ausschlieĂlich auf Französisch. Offensichtlich will er als fran-
zösischer Schriftsteller betrachtet werden; die biografischen Angaben in den fran-
zösischen Ausgaben seiner Werke bestehen stets aus den zwei knappen SÀtzen:
âMilan Kundera est nĂ© en TchĂ©coslovaquie. En 1975, il sâinstalle en Franceâ [Milan
Kundera wurde in der Tschechoslowakei geboren. Im Jahr 1975 lieĂ er sich in
Frankreich nieder]. Prag besucht er nur selten und wenn, dann inkognito.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher