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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Wer hat mehr gelitten?    179 In all ihren Begegnungen mit ehemaligen Freundinnen und Bekannten ist Irena mit Echos aus ihrer fernen Vergangenheit konfrontiert, mit unheimlichen Spie- gelungen ihres früheren Selbst und Ahnungen davon, was einmal ihre Zukunft hätte werden können. Das Gleiche gilt für die männliche Hauptfigur, Josef. Er entdeckt Spuren seines jüngeren Selbst in einem alten Tagebuch, und während er es liest, kann er nicht glauben, dass er solche Zeilen geschrieben und solche Gedanken gedacht hat. Ebenso wie es ihm misslingt, sich selbst wiederzuerken- nen, fühlt er sich von seinem Bruder, der Prag niemals verlassen hat, missver- standen. Josef wiederum erkennt Irena nicht wieder, die sich ihrerseits sehr wohl daran erinnert, einst in ihn verliebt gewesen zu sein, und ihre frühere Beziehung wieder aufnehmen möchte. In gewisser Weise dreht sich der ganze Roman um die Sehnsucht, erkannt und anerkannt zu werden, und um das Einander-Verkennen. Doch nicht nur den aus der Emigration Zurückgekehrten bleiben Erkannt-Werden und Anerkennung versagt. Auch Irenas Prager Freundin Milada ist nicht die, die andere in ihr zu sehen glauben. Sie kann ebenfalls als Opfer betrachtet werden – als Opfer ihrer eigenen jugendlichen Fehlentscheidung, nämlich eines geschei- terten Selbstmordversuchs aus unglücklicher Verliebtheit, in dessen Folge ihr ein Ohr amputiert werden musste, was sie jedoch geschickt zu verbergen weiß. Milada ist in dieser Hinsicht eine interessante Figur, denn sie verweigert sich den „Leidenswettkämpfen“. Sie, die einen konkreten Verlust erleiden musste, rechnet ihn nicht gegen das auf, was andere verloren – oder nicht verloren – haben. Milada ist es auch, die Irena das Ende der „Leidenswettkämpfe“ erklärt: […] Milada dit  : «  […] Récemment encore, tout le monde se disputait, chacun voulant prouver qu’il avait souffert plus que l’autre sous l’ancien régime. Tout le monde voulait être reconnu victime. Mais ces compétitions de souffrance sont terminées. Aujourd’hui, on se vante du succès, pas de la souffrance. […]  » (Kundera 2005, 49–50) […] Milada sagt: „[…] Vor kurzem noch stritten sich alle, jeder wollte beweisen, daß er unter dem alten Regime mehr gelitten hatte als der andere. Jeder wollte als Opfer anerkannt werden. Aber diese Leidenswettkämpfe sind vorbei. Heute prahlt man mit dem Erfolg, nicht mit dem Leiden. […]“ (Kundera 2001, 39) 6 Die Überwindung der „Leidenswettkämpfe“: Wechselseitige Anerkennung und dialogisches Erinnern Die Protagonisten und die Protagonistin der hier analysierten Romane versuchen, mit ihren zerbrochenen Identitäten zurechtzukommen. In ihrem Kampf um Aner-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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