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Franziska Mazi, Andrea Zink
Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt
zurück: Vladimir Arsenijevićs Predator
Schon Nietzsche kannte die Tücken des Mitleids: „Wahrlich, ich mag sie nicht,
die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden: Zu sehr gebricht es ihnen
an Scham“ – so heißt es recht unmissverständlich in Also sprach Zarathustra
(1968, 204–205). Nietzsches Kritik zielt auf die unverhohlene Freude derjenigen,
die sich den Armen und Leidenden zuwenden – um sich dabei gut zu finden,
ihre eigene Überlegenheit zu genießen. Sie profitieren – zumindest emotional,
mitunter aber auch ganz praktisch – von den Opfern.1 In seiner Gefängnis-Stu-
die Ăśberwachen und Strafen greift Michel Foucault (1977) diesen Gedanken auf
und verleiht ihm eine historische Perspektive. Das Mitleid, so Foucault, ist eine
Strategie der Macht. Sie lässt Ver
bre che r*in nen zu Opfern, zu quasi unglĂĽckli-
chen Straf tä ter*in nen werden. Das Mitleid legitimiert den Strafvollzug und setzt
eine profitable Maschinerie von Besserungsmaßnahmen mit Arbeitsplätzen für
Jurist*innen, Auf
se her*in nen, Ärz t*in nen und insbesondere Psy
cho lo
g*in nen
in Gang. Ehedem tatkräftige und beängstigende Ver bre che
r*in
nen werden ihrer
aktiven Rolle beraubt und zu Opfern von schlechten Umständen erklärt.2 Von hier
aus scheint es nur noch ein kleiner Schritt bis zur MachtĂĽbernahme der Opfer
selbst oder – um genauer zu sein – zum allgemeinen gesellschaftlich-politischen
Siegeszug der Opferrolle, zur Verkleidung der Macht als Opfer. Diesen Wechsel
zeigt uns Daniele Giglioli in seiner 2016 erschienenen Studie Die Opferfalle in prä-
gnanter Weise. Er geht mit einer allgemeinen De-Aktivierung und Ent-Subjektivie-
rung in Gesellschaft und Politik – mit dem Verlust von Verantwortung – einher.3
1  Ein Überblick über Nietzsches kritische Ausführungen zum Mitleid(en) findet sich in Hambur-
ger 1985, 42–45.
2  Diese Veränderung, beispielhaft im Kapitel „Die Milde der Strafen“ beschrieben (Foucault 1977,
133–170), setzt nach Foucault im achtzehnten Jahrhundert ein und etabliert sich spätestens im
neunzehnten Jahrhundert. Foucault spricht von der „großen Transformation der Jahre 1760–1840“
(1977, 24), wobei „die großen Gesetzbücher des 18. und 19. Jahrhunderts“ das „neue Strafsystem“
definierten (1977, 32).
3  Vgl. dazu Karsten Fischer 2006. Nach Fischer hat sich das rituelle und aktive Opfer (engl. sacri-
fice) im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zum passiven Opfer (engl. victim) gewandelt (2006,
67–72). Während Überlebende des Ersten Weltkriegs noch argwöhnisch betrachtet und nicht sel-
ten der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt wurden, begann sich nach dem Zweiten Welt-
krieg eine neue Sichtweise zu etablieren. Viele sahen im Krieg keinen Sinn mehr und so wurden
auch die Soldatenopfer obsolet. Das Erleiden von sinnloser Gewalt erschien besonders grausam,
wenn Frauen, Kinder oder ältere Menschen zu Opfern wurden. Sie stellten fortan das Ideal des
Open Access. © 2020 Franziska Mazi, Andrea Zink, publiziert von De Gruyter.
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Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-009
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- LehrbĂĽcher