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Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurück
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Verwandte und Bekannte. Bevor wir uns diesen ‚Opfern‘ und ihren aggressiven
Handlungen zuwenden, sei ein kurzer Blick auf die literaturwissenschaftliche
Mitleidsforschung erlaubt. Wir setzen den Akzent dabei vor allem auf kritische
Studien, mit denen sich Arsenijevićs Techniken besonders gut erfassen lassen.
Dazu gehört Käte Hamburgers Spätwerk Das Mitleid (1985), in dem sie den aristo-
telischen Ausführungen in Poetik und Rhetorik auf eigene Weise nachgeht.6
Die Tragödie, so heißt es bei Aristoteles, ist „Nachahmung einer bedeutenden
Handlung […]. Durch Mitleid und Furcht bewirkt sie eine Reinigung eben dieser
Gefühle“7 (2011, 9). Durch das Mitleid mit den Schuldig-Unschuldigen, etwa
Ödipus, haben die Zuschauer*innen also einen persönlichen, psychologischen
Vorteil. Die Macht des Mitleids – kombiniert mit einer gewissen Passivität und
ästhetischen Lust der Betrachter*innen – lässt sich an dieser Stelle bereits erken-
nen.8 Aber: bei Aristoteles kann nicht jede Handlung zum Ausgangspunkt einer
Tragödie werden. Mitleid ist nicht immer angebracht, und Opfer müssen sich als
solche qualifizieren. Bedauernswert sind nämlich nur diejenigen, die über einen
tugendhaften Charakter verfügen, die gut handeln und die schuldig werden,
ohne es zu ahnen. Die Empathie folgt einer vorgängigen, kognitiven Prüfung, sie
ist kein unmittelbarer Impuls, kein „Elementareffekt“.9 Der*die Autor*in eines
literarischen Textes wird, so könnten wir den Gedanken weiter spinnen, schon
allein aus Gründen der Spannungserzeugung die Prüfung (von Schuld oder
Unschuld) seiner*ihrer Held*innen in die Wege leiten. Mitleid ist kein Gefühl,
das jeder Reflexion entzogen ist, im Gegenteil: Mitleid, so konstatiert Käte Ham-
burger im abschließenden Teil ihrer Studie, setzt Denken und vor allem Distanz
voraus. Ihr Fazit lautet: Mitleid ist „ethisch neutral“ (1985, 126). Diese Neutralität
schließt auch das Moment der Furcht mit ein, das Hamburger als Selbstbezug der
6 Hamburger setzt sich damit im Wesentlichen von Lessings Aristoteles-Lektüre und Mitleidsbe-
stimmung ab. Einen guten Überblick über Hamburgers Mitleids-Kritik gibt Vöhler 2007.
7 Joachim Krueger übersetzt den Passus wie folgt: „Nachahmung einer ernsthaften und in sich
abgeschlossenen Handlung […], und dadurch, daß sie Mitleid (éleos) und Furcht (phóbos) erregt,
bewirkt sie die ihr eigentümliche Reinigung (he kátharsis) derartiger Affekte (pathémata)“ (1983,
219). Fuhrmann übersetzt mit „Jammer“ und „Schaudern“ (in Aristoteles 1982, 18).
8 Die Forschung ist sich nicht einig, ob hier eine Reinigung von den Gefühlen oder eine Reini-
gung derselben Gefühle gemeint ist.
9 Martin Vöhler weist in seiner Diskussion der „Ambivalenz des Mitleids“ besonders auf Man-
fred Fuhrmanns Position hin. Fuhrmann halte sich in seiner Übersetzung der aristotelischen Po-
etik zwar an die von Wolfgang Schadewaldt vorgeschlagenen Begriffe „Schauder“ und „Jammer“
anstelle von ‚Furcht‘ und ‚Mitleid‘, wende sich aber gleichzeitig gegen Schadewaldts These vom
Schauder als „Elementaraffekt“ (Vöhler 2007, 41; siehe auch Schadewaldt 1956, 138). Auf die
verschiedenen Übersetzungen von éleos und phóbos sowie die Aristotelische Katharsislehre geht
Fuhrmann ausführlich in seiner „Dichtungstheorie der Antike“ ein (1992, 89–110.)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher