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Franziska Mazi, Andrea Zink
mitleidenden Betrachter*innen deutet. Im Mitleid erkennen wir, dass wir in eine
Ă€hnliche Situation wie der*die Held*in hĂ€tten geraten können â und fĂŒrchten
uns. Altruistische und egoistische Tendenzen halten sich im Mitleid, das die Tra-
gödie evoziert, also die Waage.10
In eine Àhnliche Richtung argumentiert der Literatur- und Kognitionswissen-
schaftler Fritz Breithaupt. In seinem 2015 erschienenen Artikel âEmpathic Sadism:
How Readers Get Implicatedâ geht er dezidiert auf die Empathieentwicklung im
Leseprozess ein. Breithaupt stellt die These auf, dass Empathie keine physischen
oder psychischen Schmerzen beinhalte, folglich auch kein Mitleiden sei, sondern
durchaus als angenehm empfunden werden könne. Er nennt dieses PhÀnomen,
das er im Ăbrigen nicht nur auf die fiktive Welt beschrĂ€nkt, empathischen Sadis-
mus (2015, 440â442; 2017, 149â186). Fiktive Welten sind besonders geeignet,
empathisch-sadistische Reaktionen unter der Leserschaft hervorzurufen.
In Die dunklen Seiten der Empathie entwickelt Breithaupt seine These
weiter und entwirft ein plausibles Modell, um die Funktionsweisen der Empa-
thie zu erklĂ€ren (2017, 79â124). Er geht davon aus, dass Empathie nicht nur der
Logik eines Reiz-Reaktions-Modells folgt, sondern komplexeren Mechanismen
gehorcht. Breithaupt identifiziert Blockaden, Durchbrechungen und Kanalisie-
rungen, um die Regulierung des Empathie-Flusses zwischen der beobachteten
Figur, dem sogenannten âEmpathie-Erregerâ, und dem Leser11, dem sogenannten
âhyper-empathischen Beobachterâ zu beschreiben. Kontrollmechanismen sind
nötig, um die Gefahr eines Empathie-Exzesses und â damit verbunden â eines
totalen Selbstverlusts zu vermeiden (2017, 80). Diese âEmpathie-Blockadenâ
(2017, 85â100) sind stets (also auch in der Wirklichkeit) vorhanden, doch können
sie unter bestimmten Bedingungen und durch spezielle âEmpathie-Auslöserâ
(2017, 93â94) durchbrochen werden. Die literarische Verfasstheit eines Textes,
seine KĂŒnstlichkeit begĂŒnstigt solche Bruchstellen, gleichzeitig wissen wir â auch
wenn wir uns im Leseprozess mitunter selbst vergessen12 â um diese Bedingung.
Breithaupt geht in seiner Argumentation zumindest implizit mit Hamburger
einher: Die Distanz zwischen den Leser*innen und den leidenden Figuren beruht
auf der Tatsache, dass die Ersteren in keinem âechtenâ VerhĂ€ltnis zu den Letzte-
ren stehen. Breithaupt bringt diese Voraussetzung â unter Berufung auf Suzanne
10â So lautet das Fazit von Vöhlers Hamburger-LektĂŒre (2007, 42).
11â Da der Begriff des Lesers eher abstrakt zu verstehen ist und auch der besseren Lesbarkeit hal-
ber wird hier und im Folgenden auf die feminine Singular-Form verzichtet. Konkret sind immer
beide Geschlechter gemeint.
12â
Das gilt besonders dann, wenn wir dem RealitÀtseffekt (Barthes 1976, 84) aufsitzen, und trifft
weniger fĂŒr literarische Werke zu, die deutliche Illusionsbrechungen (wie Predator) enthalten.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher