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Kritik der Empathie â oder: Das Opfer beiĂt zurĂŒckâ â
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Keen13 â sehr treffend auf den Punkt: âReaders participate vicariously in charac-
ters and their situations, without having to fear that the fictional characters will
turn around and ask them for moneyâ (2015, 442).
Literatur begĂŒnstigt Empathie auch durch ihre zeitliche Rahmung: Die
ErzÀhlung verspricht zu einem Ende zu kommen. Dieses Versprechen motiviert
den Leser, sich ganz in eine oder mehrere Figuren imaginativ und emotional hin-
einzufĂŒhlen (Breithaupt 2017, 96).14 Um Empathie aufrecht zu erhalten sind also
nach Breithaupt Bewegung, VerÀnderung und eine zeitlich absehbare Auflösung
nötig (2015, 442). Die Auflösung kann negativ sein und den Tod des Helden oder
der Heldin bedeuten, wie dies in der Tragödie der Fall ist, oder aber positiv. Eine
positive Lösung sieht Breithaupt in Lisa Zunshines Figurentypus des âsadistic
benefactorâ (2012, 45â53), der Gefallen daran findet, andere schwer leiden zu
sehen, um ihnen dann zu groĂem GlĂŒck und zu einer deutlichen Verbesserung
ihrer Lage zu verhelfen (Breithaupt 2015, 444â445). Diesen Mechanismus erkennt
Breithaupt auch im VerhÀltnis zwischen Figur und Leser wieder, insbesondere
bei Versuchungsgeschichten oder beim Bildungsroman (2015, 444â445).
ErzĂ€hlungen, die sich der Opferperspektive nĂ€hern oder ĂŒber Opfer berich-
ten, können unter der Leserschaft eine besondere Form der Empathie, eine
âadvocative exploitative empathyâ anregen (Breithaupt 2015, 445). In diesem
Falle wird der Leser zum Verteidiger des leidenden Opfers und, wenn dem Opfer
Unrecht angetan wurde, zum AnklÀger gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit.
Nicht zu vergessen ist jedoch, dass der Leser Gefallen an dieser Rolle finden kann.
Wie Breithaupt richtig bemerkt, wird hier ein unauflösbares Paradoxon erkenn-
bar, denn so sehr sich der empathische Leser eine Verbesserung der Lage fĂŒr
das leidende Opfer wĂŒnschen mag, so sehr ist er in seiner Rolle als Verteidiger
des Opfers auf dessen leidvollen Zustand angewiesen (2015, 445).15 Das Leid ist
13â Suzanne Keen argumentiert in ihrer Monografie Empathy and the Novel (2007, 28â35), dass
man beim Lesen von fiktiver Literatur eher Empathie empfindet als in einer Situation, in der man
direkt angesprochen und um Hilfe gebeten wird.
14â Breithaupt fĂŒhrt in diesem Zusammenhang einen interessanten Vergleich mit einem All-
tagsphÀnomen an. Wissenschaftliche Untersuchungen legen die Annahme nahe, dass manche
Menschen gegenĂŒber akut erkrankten Patienten eher Empathie zeigen als gegenĂŒber chronisch
erkrankten (2017, 96). Das Mitleid scheint eine begrenzte Ressource zu sein, die sich bei ĂŒbermĂ€-
Ăiger Beanspruchung in GleichgĂŒltigkeit oder sogar in Ressentiment verkehren kann.
15â Eine Beobachtung, die von Foucault (1977) in seiner Analyse des GefĂ€ngnissystems geteilt
wird: Um Mitleid (mit den Verbrecher*innen) aktiv werden zu lassen, mĂŒssen sich die GefĂ€ngnis-
se stetig fĂŒllen, mĂŒssen Verbrechen vor allem kontinuierlich begangen â und nicht umgekehrt:
verhindert oder die Verbrecher*innen gar geheilt werden. Dergestalt reproduziert sich das Ge-
fÀngnissystem selbst.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher