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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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190    Franziska Mazi, Andrea Zink die Bedingung von Empathie und Gerechtigkeitsempfinden. Die „Ambivalenz“ (Hamburger) und die „Schamlosigkeit“ (Nietzsche) des Mitleids klingen in dieser Bestimmung erneut mit an. Es gehört zu den besonderen Leistungen von Vladimir Arsenijević, dass er den quasi ökonomischen Mechanismus des Mitleidens auf gekonnte Weise insze- niert und demaskiert. Der Autor von Predator spielt mit den Opfer-Rollen, und er rechnet gleichzeitig mit den empathischen Profiteur*innen, seinen Leser*innen ab. Zu den Strategien Arsenijevićs zĂ€hlt zunĂ€chst einmal – ganz im Sinne der russischen Formalisten – die „Bloßlegung des [literarischen] Verfahrens“.16 Der Text ist zuvorderst ein Text, kein Abbild der Wirklichkeit und wird uns auch als ein solcher, d.h. als eine kĂŒnstliche Welt, vor Augen gefĂŒhrt. Schon die Komposition von Predator zielt auf diesen Effekt, denn die erste ErzĂ€hlung verspricht die letzte zu sein – „Poslednja epizoda Oahu DĆŸima  #  1“ (Arsenijević 2009, 7–38) [Die letzte Episode von Oahu Jim  #  1]17 –, wĂ€hrend die letzte ErzĂ€hlung dieses scheinbar zirkulĂ€re Unternehmen konterkariert, indem sie eine Fortsetzung bietet: „Poslednja epizoda Oahu DĆŸima  #  2“ (2009, 221–242) [Die letzte Episode von Oahu Jim  #  2]. Im Innern des Buchs geht es weder zirku- lĂ€r noch logisch-chronologisch voran. Wir treffen auf zahlreiche Szenen-, Genre-, Perspektiv- und Stilwechsel. LĂ€ssig-provokativ, im Jargon formulierte Pseudo-E- Mails eines serbischen Migranten wechseln sich mit klassischen ErzĂ€hlpartien ab, in denen wir mit der Innensicht von Figuren, zum Beispiel mit ihren Ängsten, aber auch mit der Leseranrede des allwissenden ErzĂ€hlers konfrontiert werden. Multiperspektivisch gestaltete Szenen stehen einmaligen Ereignissen gegenĂŒber. Zahlreiche Figuren treten in mehreren ErzĂ€hlungen und in verschiedenen Kon- texten auf – dazu gehört der jesidische Kurde Nihil Baksi –, manche dagegen erscheinen nur einmal und verschwinden, wie der Kosovo-Albaner Dren Kast- rati, ohne eine Spur zu hinterlassen. Einige Nebenfiguren – Vanja, ein Mitglied der Rockband GSG9, und die Schauspielerin Marija Pavlović mit ihren Kindern Vera und Jovan – haben sogar ein erstaunlich langes ‚Leben‘: Sie entstammen Arsenijevićs Werken der 1990er Jahre (dem preisgekrönten DebĂŒtroman U potpa- lublju und seiner Fortsetzung Ti i ja, Anđela18), womit ihre KĂŒnstlichkeit eigens 16  Siehe den Begriff zum Beispiel bei Viktor Ć klovskij 1929, 178, 180, 241. 17  Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Übersetzungen von den Verfasserinnen – F.  M. und A.  Z. 18  Arsenijević hatte in den 1990er Jahren eine Tetralogie mit dem Titel Cloaca maxima geplant, die sich ĂŒber lange Zeit in den ersten beiden BĂ€nden (U potpalublju [1994] und Ti i ja, Anđela [1997]) erschöpft hatte, 2018 nun aber mit einem dritten Teil (Ka granici) fortgesetzt wurde. Mit Abstrichen könnte man auch einige Werke der 2000er Jahre wie etwa Meksiko: Ratni dnevnik (2000) als partielle Realisierungen des ursprĂŒnglichen Projekts interpretieren.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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