Page - 194 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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194â â Franziska Mazi, Andrea Zink
Empathieobjekt nicht mehr funktioniert. Das geschieht in dem Augenblick, in
dem das Opfer zum TĂ€ter wird.
In dieser Szene herrschen Extrembedingungen. Nihil und sein Ziehbruder
Musa sind physisch erschöpft und befinden sich in den Bergen, wo es kalt ist,
ihnen niemand hilft und sie der Hunger plagt. Beide schlafen aus Erschöpfung
ein. Nihil wacht als Erster wieder auf. Da ĂŒberfĂ€llt ihn plötzlich ein Gedanke. Er
setzt die Idee, die ihn nicht mehr loslÀsst, in die Tat um und erschlÀgt seinen
kleinen Bruder.
Diese Handlung und ihre BrutalitĂ€t lassen sich auch unter BerĂŒck
sichtigung
der lebensbedrohlichen Situation des Helden und seiner Erinnerung an Folter
und Hunger nicht rechtfertigen. DafĂŒr sorgt der ErzĂ€hler, indem er ein klares
Urteil spricht:
A Nihil Baksi, Predator, StraĆĄni Bog koji presuÄuje bez milosti i hrani se telima onih koji
u njega najviĆĄe veruju, joĆĄ jednom podiĆŸe kamen s kog kaplje krv i gusta bela sluz, pa ga
ponovo zariva u isto ono mesto u koje je maloÄas udario. [âŠ] Tu spusti leĆĄinu do sebe, sedne
prekrĆĄtenih nogu, nadvije se nad nju i zarije zube u meki prevoj vrata. [âŠ] Kad pomiri prvu
glad, Nihil â jer sad je to zaista ponovo Nihil, iako zauvek i neporavljivo izmenjen â Nihil,
dakle, opet spava, sanja svoje mukle, uvek iste snove o lutanju bez kraja i konca, pa se budi
u tami i smeĆĄi u sebi, zadovoljan. (ArsenijeviÄ 2009, 128â129)
[Nihil Baksi aber, der Predator und grausame Gott, der unbarmherzig urteilt und sich
von den Körpern derjenigen ernÀhrt, die am meisten an ihn glauben, hebt den Stein, von
dem Blut und dickflĂŒssiger weiĂer Schleim tropft, noch einmal und bohrt ihn erneut in
die gleiche Stelle, auf die er kurz davor schon einmal geschlagen hat. [âŠ] Hier lĂ€sst er den
Kadaver neben sich fallen, setzt sich im Schneidersitz hin, beugt sich ĂŒber ihn und grĂ€bt
seine ZĂ€hne ins weiche Joch des Halses. [âŠ] Nachdem Nihil â denn das ist jetzt wirklich
wieder Nihil, obwohl fĂŒr immer und unwiderruflich verĂ€ndert â den ersten Hunger gestillt
hat, schlÀft er also wieder ein, trÀumt seine dumpfen, immer gleichen TrÀume vom endlo-
sen Herumirren, wacht in der Dunkelheit auf und lacht in sich zufrieden.]
Die Figur hat sich völlig verÀndert und sich vom potenziellen Mitleid der
Leser*innen befreit, doch sie bleibt fĂŒr eine Weile die einzige Identifikations-
Gestalt in der ErzÀhlung. Uns wird nichts anderes geboten, als Nihil, dem Mörder
und Kannibalen, der nichts mehr mit dem einstigen Opfer, dem unschuldigen,
gefolterten 16-jÀhrigen Jungen, gemein hat, auf seinem weiteren Weg zu folgen.
Die Strategie der Zerstörung von möglichen Mitleidfiguren, die ArsenijeviÄ
in mehreren Variationen durchspielt, hat zum Ziel, auch auf struktureller Ebene
Empathiekritik zu ĂŒben. Falls die Leser*innen MitleidsgefĂŒhle entwickeln â und
der Autor regt sie dazu an â, so werden sie immer wieder ent- und getĂ€uscht, bis
sie â vielleicht â nicht mehr in die Opferfalle tappen. Allzu erfahren und kog-
nitiv gerĂŒstet sind die Leser*innen, wenn sie sich an die zweite ErzĂ€hlung des
Zyklus, âNeukorenjenostâ (ArsenijeviÄ 2009, 39â74) [Wurzellosigkeit], wagen,
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher