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Kritik der Empathie â oder: Das Opfer beiĂt zurĂŒckâ â
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aber noch nicht. Die Opferfalle wird aller Wahrscheinlichkeit nach zuschnap-
pen, denn der Held Dren Kastrati,22 der dem militÀrisch-politischen Konflikt in
seiner kosovarischen Heimat entflohen ist, kommt tragisch zu Tode. Er hat bis zu
seinem Verschwinden aus dem Text keinerlei Schuld auf sich geladen, stellt also
ein wahrhaft âwĂŒrdiges Opferâ dar, und sogar das böse GegenĂŒber â ein Serbe
â lĂ€sst sich fĂŒr die Rezipient*innen ohne Probleme ausmachen. Relativierend
wirkt allerdings, dass die Fabel um Kastrati in ein opulentes mediales Spiel, ja
man könnte sagen in eine offene Demonstration und Kritik des medial inszenier-
ten Mitleidmarktes eingebettet ist. Obwohl alle ErzÀhlungen medial verwurzelt
und miteinander verflochten sind, obwohl alle Held*innen auf ihrem Leidens-
weg von Film- und Fernsehbildern, von Fotos und kulturellen Events begleitet
oder durch selbige zum Leiden angeregt werden,23 ist die Dekonstruktion der
Medien in âNeukorenjenostâ besonders auffallend. Gleichsam im VorĂŒberge-
hen und mit einer heiteren Note versehen, deckt ArsenijeviÄ die Strategien von
Schriftstellern â darunter nicht zuletzt seine eigenen â, von NGO-Mitgliedern,
linken Aktivisten, Fernsehjournalisten, Fotografen und Organisatoren europÀi-
scher Dokumentations-Wettbewerbe auf. Sie alle brauchen das Opfer, mit Opfern
macht man GeschÀfte, man legitimiert den eigenen Job, die Fernsehsendung, den
hochdotierten Preis, man steigert das Prestige der Zeitschrift und die Verkaufs-
chancen fĂŒr das eigene Manuskript. Dieses Spiel mit den Medien und deshalb
auch mit der schriftstellerischen Fiktion zeigt sich bereits darin, dass âNeukoren-
jenostâ mit einer Figur aufwartet, der serbischen Schriftstellerin Marija PavloviÄ,
die ihrerseits einen Roman mit dem Titel Neukorenjenost geschrieben hat,24 und
auch die dokumentarische Foto-Serie, die das Ende von ArsenijeviÄs Binnenge-
schichte ausmacht, trĂ€gt den â wie es heiĂt â âausgesprochen enigmatischenâ25
22â Der im Deutschen leicht komisch und verunglimpfend wirkende Name Kastrati ist die alba-
nische Version von Kastrioti, dem Namen eines alten Adelsgeschlechts, dem auch der berĂŒhmte
Skanderbeg zugehörte (âKastriotiâ). Der Name Kastrati ist in der heutigen albanischen Ăffent-
lichkeit durch die zahlreichen Tankstellen der Firma Kastrati allgegenwÀrtig.
23â So kommt etwa Oahu Jim zu seinen sexuell inspirierten Opferphantasien, als er im zarten
Alter von zehn Jahren in der Zeitschrift Home & Away einen dicken Forscher abgebildet sieht, der
von Afrikanern in einem Topf auf offenem Feuer (zusammen mit SuppengrĂŒn) gekocht wird und
dabei glĂŒcklich lĂ€chelt (ArsenijeviÄ 2009, 16). Die Videokassette mit dem Film Predator begleitet
den jugendlichen Nihil Baksi auf seiner Flucht. Sie ist das einzige Gut, das er aus seiner Heimat
retten konnte.
24â Allerdings war die Heldin erfolgreicher als der Autor, sie hat ihren Roman Wurzellosigkeit
nĂ€mlich schon ins Deutsche ĂŒbersetzen lassen und beim Fischer Verlag untergebracht, wĂ€hrend
der Autor nur die deutsche Ăbersetzung der ErzĂ€hlung âWurzellosigkeitâ in Swartzâ Anthologie
(2007, 25â46) publizieren, nicht aber seinen Roman Predator auf Deutsch herausbringen konnte.
25â Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Ăbersetzungen von den Verfasserinnen â F. M.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher