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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurĂŒck    195 aber noch nicht. Die Opferfalle wird aller Wahrscheinlichkeit nach zuschnap- pen, denn der Held Dren Kastrati,22 der dem militĂ€risch-politischen Konflikt in seiner kosovarischen Heimat entflohen ist, kommt tragisch zu Tode. Er hat bis zu seinem Verschwinden aus dem Text keinerlei Schuld auf sich geladen, stellt also ein wahrhaft „wĂŒrdiges Opfer“ dar, und sogar das böse GegenĂŒber – ein Serbe – lĂ€sst sich fĂŒr die Rezipient*innen ohne Probleme ausmachen. Relativierend wirkt allerdings, dass die Fabel um Kastrati in ein opulentes mediales Spiel, ja man könnte sagen in eine offene Demonstration und Kritik des medial inszenier- ten Mitleidmarktes eingebettet ist. Obwohl alle ErzĂ€hlungen medial verwurzelt und miteinander verflochten sind, obwohl alle Held*innen auf ihrem Leidens- weg von Film- und Fernsehbildern, von Fotos und kulturellen Events begleitet oder durch selbige zum Leiden angeregt werden,23 ist die Dekonstruktion der Medien in „Neukorenjenost“ besonders auffallend. Gleichsam im VorĂŒberge- hen und mit einer heiteren Note versehen, deckt Arsenijević die Strategien von Schriftstellern – darunter nicht zuletzt seine eigenen –, von NGO-Mitgliedern, linken Aktivisten, Fernsehjournalisten, Fotografen und Organisatoren europĂ€i- scher Dokumentations-Wettbewerbe auf. Sie alle brauchen das Opfer, mit Opfern macht man GeschĂ€fte, man legitimiert den eigenen Job, die Fernsehsendung, den hochdotierten Preis, man steigert das Prestige der Zeitschrift und die Verkaufs- chancen fĂŒr das eigene Manuskript. Dieses Spiel mit den Medien und deshalb auch mit der schriftstellerischen Fiktion zeigt sich bereits darin, dass „Neukoren- jenost“ mit einer Figur aufwartet, der serbischen Schriftstellerin Marija Pavlović, die ihrerseits einen Roman mit dem Titel Neukorenjenost geschrieben hat,24 und auch die dokumentarische Foto-Serie, die das Ende von Arsenijevićs Binnenge- schichte ausmacht, trĂ€gt den – wie es heißt – „ausgesprochen enigmatischen“25 22  Der im Deutschen leicht komisch und verunglimpfend wirkende Name Kastrati ist die alba- nische Version von Kastrioti, dem Namen eines alten Adelsgeschlechts, dem auch der berĂŒhmte Skanderbeg zugehörte („Kastrioti“). Der Name Kastrati ist in der heutigen albanischen Öffent- lichkeit durch die zahlreichen Tankstellen der Firma Kastrati allgegenwĂ€rtig. 23  So kommt etwa Oahu Jim zu seinen sexuell inspirierten Opferphantasien, als er im zarten Alter von zehn Jahren in der Zeitschrift Home & Away einen dicken Forscher abgebildet sieht, der von Afrikanern in einem Topf auf offenem Feuer (zusammen mit SuppengrĂŒn) gekocht wird und dabei glĂŒcklich lĂ€chelt (Arsenijević 2009, 16). Die Videokassette mit dem Film Predator begleitet den jugendlichen Nihil Baksi auf seiner Flucht. Sie ist das einzige Gut, das er aus seiner Heimat retten konnte. 24  Allerdings war die Heldin erfolgreicher als der Autor, sie hat ihren Roman Wurzellosigkeit nĂ€mlich schon ins Deutsche ĂŒbersetzen lassen und beim Fischer Verlag untergebracht, wĂ€hrend der Autor nur die deutsche Übersetzung der ErzĂ€hlung „Wurzellosigkeit“ in Swartz’ Anthologie (2007, 25–46) publizieren, nicht aber seinen Roman Predator auf Deutsch herausbringen konnte. 25  Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Übersetzungen von den Verfasserinnen – F.  M.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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