Page - 197 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Kritik der Empathie â oder: Das Opfer beiĂt zurĂŒckâ â
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PavloviÄ â in Berlin gerade aus Budapest und nicht aus dem bedrohten Belgrad
eingetroffen â zusammen mit dem kosovarischen Schriftsteller Fatmir BeriĆĄaj,
seinerseits aus Graz angereist, wo er schon lange als Stadtschreiber tÀtig war und
noch immer ist, zu einem öffentlichen Diskussionsabend ein. Die Veranstaltung
findet unter dem Titel âSerbia vs. Kosovo: No Acceptance/No Repentanceâ statt.
Als ReprĂ€sentantin des Zentrums tritt Ulrike KrĂŒger auf. Ulrike ist ein echter âGut-
menschâ und deshalb mit einem gesunden NĂŒtzlichkeitsdenken ausgestattet. Auf
der Toilette in Marijas Wohnung sitzend reflektiert sie ĂŒber den mĂ€Ăigen Output
ihrer Opfer-Suche:
dobili [su] dvoje elokventnih i iskusnih igraÄa, ali ujedno i nedovoljno krvi, znoja i suza,
ali krv, znoj i suze jesu upravo ono ĆĄto Centru treba [âŠ], Marijina melanholija i Fatmirova
ironija nisu dovoljna i odgovarajuÄa nadoknada za to, za onu pravu stvar, za grozomorno
iskustvo s lica mesta, ali ĆĄta se tu moĆŸe, vremena su takva, utakmica je jaka, puno je igraÄa
u kaznenom prostoru nevladinog sektora, guĆŸva ispred gola neopisiva, ne postiĆŸu se uvek
spektakularni rezultati, i Ulrike to sedi na wc-ĆĄolji u Marijinom toaletu, veoma dobro zna.
(ArsenijeviÄ 2009, 54 [Hervorhebung im Original])
[sie haben zwei eloquente und erfahrene Spieler erhalten, aber deshalb auch zu wenig Blut,
Schweià und TrÀnen, wo doch Blut, Schweià und TrÀnen genau das sind, was das Zentrum
braucht [âŠ], Marijas Melancholie und Fatmirs Ironie sind keine ausreichende und ange-
messene EntschĂ€digung fĂŒr die wahre Sache, die Erfahrung des Grauens von Angesicht zu
Angesicht, aber so sind eben die Zeiten, der Wettkampf ist hart, viele Spieler halten sich im
Strafraum des NGO-Sektors auf, das GedrÀnge vor dem Tor ist unbeschreiblich, spektaku-
lĂ€re Resultate sind selten und Ulrike weiĂ das, wĂ€hrend sie bei Marija auf der KloschĂŒssel
sitzt, ganz genau.]28
Aber: Bei diesem Spiel bleibt ArsenijeviÄ nicht stehen. Brisant ist die ErzĂ€hlung
zunĂ€chst einmal, weil der Autor â darin stellt er in der serbischen Literaturszene
eine Ausnahme dar â eigens auf den Kosovo-Krieg zu sprechen kommt und
damit auch implizit die nationale Opfer-ErzÀhlung der Serb*innen untergrÀbt.29
DarĂŒber hinaus stellt er â ohne sich auf eine Seite zu schlagen â die Opferkon-
28â Mit Blick auf einen echten Krieg und echte Opfer sind der Begriff âSpielerâ, der Vergleich
mit dem FuĂballspiel und die Situation auf der Toilette durchaus provokativ; dabei werden die
notwendigen Opfer-Ingredienzen klar benannt und in ihrer Instrumentalisierung auch kritisiert.
29â Diese OpfererzĂ€hlung besagt, dass der Kosovo âheiliges, serbisches Landâ sei, beruhend auf
der Kosovo-Schlacht von 1389 (in der das serbische Heer dem osmanischen unterlag), sich folg-
lich der serbische FĂŒrst Lazar mit seinen Truppen stellvertretend fĂŒr das abendlĂ€ndische Chris-
tentum (und Ă€hnlich wie Christus fĂŒr die Menschheit) âgeopfertâ habe. Diese Position vertritt
in âNeukorenjenostâ eine deutlich negativ markierte Figur: âKosovo [âŠ] je sveta srpska zemljaâ
(ArsenijeviÄ 2009, 66) [Der Kosovo ist heiliges serbisches Land].
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher