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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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204    Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum bzw. sind.2 Jedoch wurden nicht nur politische Positionen und Aktionen der Literat*innen zu Fakten und Faktoren des gesellschaftlichen Lebens in Belarus, sondern auch ihre Werke selbst: In den einen werden die Situation und die aktu- ellen Probleme im Land explizit, in den anderen äsopisch angesprochen. Aber auch die Literat*innen, die fortgesetzt haben, das zu schreiben, was sie für nötig hielten, fern von dezidierten oder indirekten Anspielungen auf die politischen Missstände, jenseits (in-) offizieller Konjunktur, wussten und wissen zu gut, dass sogar jedwede Apolitizität in einem totalitären Staat durchaus politisch ist. Nach den gewaltsam niedergeschlagenen Protesten gegen Wahlfälschung (2006 und 2010) entstanden sogar besondere literarische Genres, die soge- nannten „Gedichte des Platzes“ („veršy ploščy“), „Lieder des Platzes“ („pesni ploščy“), „Prosa des Platzes“ („proza ploščy“), d.h. Texte, die auf den Plätzen (während der Erhebungen) oder gleich danach geschrieben wurden.3 Eine tra- gische Kulmination erreicht die politische Ethik und zugleich Metaphorik des gewaltfreien Protests in den Bildern der Hinrichtung. Zu einem der originells- ten und prominentesten Texte, die den Chronotopos der Exekution entwerfen, wurde „Verš pra šybenicu“ [Ein Gedicht über den Galgen] der jungen Dichterin Vera Burlak (geb. 1977) aus dem Jahr 2003. Ein neues Leben bekam dieser bereits Mitte der 2000er populäre Text im Jahre 2011: Genau ihn wählte die Autorin, acht Jahre nach der ersten Publikation in ihrem Debütband, für die Teilnahme am Videoprojekt Čorna-belyja veršy [Schwarz-weiße Verse], bei dem belarussische Gegenwartsautor*innen ihre Texte vor der Kamera lesen (vgl. Žybul’ 2011). Nach den blutigen Ereignissen von 2010 erklang Burlaks Gedicht als eine poetische Prophezeiung des Geschehenen: У двары на вуліцы Каліноўскага Для дзяцей паставілі шыбеніцу, Якую сьпісалі з турмы, Бо яна састарэла маральна. І адразу прыбеглі дзеці, Каб гайдацца на ёй і падцягвацца, Каб поўзаць па ёй і караскацца І займацца карыснай гімнастыкай. А бацькі былі ўжо ня радыя, 2  So kandidierte der Dichter Uladzimir Njakljaeŭ (geb. 1946) 2010 für das Präsidentenamt; Nil Gilevič (geb. 1931), Andrej Chadanovič (geb. 1975) und andere Literat*innen nahmen aktiv an den Wahlkampagnen teil, traten auf den Protestveranstaltungen auf, schrieben offene Briefe etc. 3  Vgl. die Anthologie mit den „Gedichten des Platzes“ [o. Hg.] (2006), Uladzimir Njakljaeŭs Ge- dichtband Listy da voli [Briefe an die Freiheit] (2011) oder, als Beispiel für die „Prosa des Plat- zes“, eine „Erzählung des Platzes“ von Barys Pjatrovič’ (geb. 1959) (2010).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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