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208â â Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum
logische Trope des âGalgenhumorsâ. Der Chronotopos ist vorgegeben, die Poetik
der belarussischen Literatur ist (von nun an) ein âGalgenschreibenâ, das sich im
Todeskampf zwischen Tragischem und Groteskem entfaltet.8
Dabei erweist sich die RealitÀt grotesker als die Groteske selbst, der angeblich
ĂŒbertriebene Albtraum der Wirklichkeit unheimlicher als Schrecken und Entset-
zen einer Fiktion. Der antiutopische Absurdismus des Galgengedichts offenbart
das Kafkaeske des Verfahrens, mit dem Burlak operiert. Das unbestimmt-persön-
liche Verb âpastaviliâ [man stellte, wörtlich: (sie) stellten] lĂ€sst die Frage absicht-
lich offen, wer den Galgen auf dem Kinderspielplatz eines Innenhofes errichtete.
Der Galgen steht nun da, kraft höherer MÀchte, die man nicht zu prÀzisieren
braucht. FĂŒr die Inventarisierung von KinderspielplĂ€tzen sind stĂ€dtische â staat-
liche â Behörden zustĂ€ndig, die nun â nach den Kindern â zu den Protagonisten
der Geschichte werden: die gesichtslosen, ĂŒbermĂ€chtigen âsieâ. Die allgegen-
wĂ€rtige PrĂ€senz dieser MĂ€chte in der belarussischen RealitĂ€t ist spĂŒrbar in der
belarussischen Literatur, und es ist unwichtig, ob die Literatur diese PrÀsenz arti-
kuliert, extra oder beilÀufig, wie in Burlaks Gedicht, oder verschweigt: Die Figur
des Verschweigens markiert apophatisch die Anwesenheit nicht weniger deutlich
als ein direkter Hinweis.
In Burlaks Text herrscht ein schwarzer Galgenhumor, der nicht zum Lachen
ist. Den Galgen hat man âaus dem GefĂ€ngnis abgeschriebenâ, da er âmoralisch
obsoletâ war. Diesen Ausdruck gebraucht man sonst als Fachbegriff fĂŒr veraltete
technische Ausstattung, fĂŒr die man keine Ersatzteile oder Fachleute mehr findet,
die sie reparieren könnten, oder wenn es ein besseres, moderneres Modell gibt.
FĂŒr das VerstĂ€ndnis von Burlaks quasi-groteskem Narrativ ist es zentral, dass
die Todesstrafe in Belarus bis heute nicht abgeschafft ist und dass Todesurteile
vollstreckt werden. Die Abschreibung des Galgens erfolgt somit nicht, weil eine
8â
FĂŒr die Deutungen des Grotesken sind immer noch die Studien von Wolfgang Kayser (1957),
Hans GĂŒnther (1968) und Philipp Thompson (1997) grundlegend. Viele in diesen Abhandlun-
gen markierten Probleme, wie zum Beispiel jene des VerhÀltnisses zwischen dem Grotesken und
Tragischen, stellen produktive Ausgangspunkte fĂŒr die Thematisie rungen grotesker Rhetorik im
postsowjetischen Raum im Allgemeinen und in Belarus im Besonderen dar. Der wohl wichtigs-
te osteuropĂ€ische Beitrag zum Grostesken ist natĂŒrlich das Rabelais-Buch von Michail Bachtin
(1965). Dabei geht die Bedeutung seiner Monografie weit ĂŒber die Grenzen des wissenschaftli-
chen Metadiskurses hinaus: In der spÀtsozialistischen Periode wurden Bachtins Karnevalismus-
Konzepte nicht nur von Philolog*innen und Kulturwissenschaftler*innen gelesen, sondern auch
von Schriftsteller*innen und KĂŒnstler*innen, sie bilden einen unentbehrlichen theoretischen
Teil des spielerisch-poetologischen Mosaiks des spÀtsozialistischen Postmodernismus. Vielen
âGebotenâ dieser Ăsthetik folgt auch die experimentelle Poetik der belarussischen Literatur der
1990erâ2000er Jahre.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher