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212 Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum
vorübergehenden, hässlichen aber normalen, altersbedingten, biologisch und
psychologisch erklärbaren Pubertätsverhaltens herabgestuft werden. Die Infanti-
lisierung der Proteste stellt eine wichtige Strategie zum Zwecke deren Banalisie-
rung dar: Oppositionsforderungen nach liberal-demokratischen Werten werden
zur Erscheinungsform eines anatomisch determinierten jugendlichen Maximalis-
mus degradiert. Die Staatsideologie variiert bei ihren Verleumdungen der Pro-
testbewegung die alte abgegriffene Metapher der gefährlichen und zu bestrafen-
den ‚Kinderspiele‘. Der Galgen auf dem Kinderspielplatz wird zum Chronotopos
der belarussischen Situation en miniature.
Erst am Ende des Gedichts greift das lyrische Subjekt ein. Wie ein Mantra
wiederholt es dreimal die sakrale Parole, das aufregende Stottern intensiviert
sich, die Stimme holt Luft, um das Wichtigste zu sagen. Die Wiederholung
bremst die Kulmination, das komparative Adjektiv „lepej“ [lieber] erfordert das
nächste Element des Vergleichs, die Erwartung steigt und bereitet die ethische
Schlusspointe des Textes vor: „lieber Gehenkte/als Henker“. Die mnemonische
Formelhaftigkeit der finalen Phrase wird dank des im Text einzigen, punktuel-
len Reims: „dachaty“ [nach Hause] – „katy“ [Henker] zusätzlich emotionalisiert.
Das Gedicht kodiert das belarussische Ethos passiver Indifferenz in das tragische
Credo fatalistischer Selbstaufopferung um, in das grotesk-pathetische Performa-
tiv der Heraufbeschwörung. Die Beschwörungsformel wird zum Schwur. Die lyri-
sche Stimme will sich nicht mehr hinter dem grotesk-absurdistischen Erzähler
verstecken. Nur ein Subjekt, das sich von der postmodernistischen Buffonade
lossagt und dadurch das Recht auf tragisches Pathos hat, steht für sich selbst
und steht zu seinen Worten und Taten.
2 Mnemotopos und Mem
Das „Gedicht über den Galgen“ funktioniert in einem dichten intertextuellen Feld
des belarussischen Galgendiskurses, der auf ähnliche Narrative in der polnischen
Kultur zurückgeht. Burlaks Text, in dem die Mutter ihrem Kind beibringt, sich auf
die unvermeidliche Hinrichtung einzustellen, folgt dem autoritativen Paradigma,
das im kanonischen und einflussreichen Gedicht „Do Matki Polki“ [An die Mutter
Polin] von Adam Mickiewicz (1798–1855) formuliert wurde:
Zwyciężonemu za pomnik grobowy
Zostaną sucha drewna szubienicy,
Za całą sławę krótki płacz kobiécy
I długie nocne rodaków rozmowy.
(Mickiewicz 1955, 335)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher