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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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214    Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum Mnemotopos zentrale und zeichenhafte Bild des Galgens wurde bereits im Titel des Bandes reproduziert: Tvaram da šybenicy [Mit dem Gesicht zum Galgen] (Januškevič 2013).14 Während man Kalinoŭski in der frühsowjetischen Zeit zum Verteidiger der Bauern-Rechte stilisierte,15 so entstand in den 1970er/1980er Jahren das Bild Kalinoŭskis als antiimperialer (Vor-)Kämpfer für die belarussische Freiheit. Genau diese martyrologisch-antihegemonialen Konnotationen waren in der Perestroika-Zeit und in den ersten Jahren der Unabhängigkeit gefragt. Ein cha- rakteristisches und prominentes Beispiel dafür bildet das bereits 1980 verfasste Gedicht „Pavešanym 1863 hoda“ [Den Gehenkten im Jahre 1863] von Vladimir Karatkevič (1930–1984), einem Autor der spätsowjetischen Zeit, dessen Werke für die Generation der 2000er Jahre in den letzten Jahren an Autorität und Paradig- matik massiv gewonnen haben. Der Galgenchronotopos bildet die Kulmination und die Quintessenz des Kalinoŭski-Sujets: І сёння ў вечны наш працяг, У неба на світанні дня Уздымуць нас, як волі сцяг, Якому й богу нельга зняць. (Karatkevič 1987b, 281) [Und heute, in unsere ewige Fortsetzung, In den Himmel vor dem Sonnenuntergang Wird man uns aufziehen wie die Fahne der Freiheit, Die nicht einmal Gott einholen kann.] Durch das Motiv des Aufziehens der Fahne der Freiheit wird der Tod am Galgen zum metaphorischen Inbegriff des Siegesjubels. Die gehenkten Insurgenten werden mit einer aufgezogenen Flagge verglichen. Karatkevičs Metapher hat einen konkreten heraldischen Hintergrund, nämlich die zu Sowjetzeiten wie heute verbotene weiß-rot-weiße Fahne der Belarussischen Volksrepublik von 1918; nur kurzzeitig, vier Jahre (1991–1995), war sie die offizielle Flagge des Landes. Der Körper des gehenkten Insurgenten wird zum symbolischen Attribut, zur heraldischen Metapher und Metonymie der (un-)erreichbaren Freiheit. Die einzig tatsächlich gegebene Freiheit ist die der Wahl eines Märtyrertodes, der Wille zum unvermeidbaren Tod. Diese nekro-martyrologische Körperlichkeit des 14  Zum Kalinoŭski-Mythos in der jungen belarussischen Poesie vgl. auch McMillin 2014. 15  Vgl. die kinematografische Repräsentation von Kalinoŭski als Revolutionär in Vladimir Gardins (1877–1965) Film Kastus’ Kalinovskij (1928).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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