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216 Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum
schuf einige Muster des Galgenschreibens, die zur Matrix für viele Dichter*innen
der spät- und postsowjetischen Periode wurde.18
Poetische Konzeptualisierungen des belarussischen Galgenparadigmas
betreffen sowohl bestimmte Details und Attribute, gegenständliche Fetische
und Metonymien (z.B. die Schlinge),19 als auch die im Chronotopos ange
legten
Sujets (Verhaftung, Gericht, Hinrichtung) und Personenkonstellationen (Richter,
Henker, Verurteilter, seine Verwandten, Zuschauer*innen der Hinrichtung – bis
zum ganzen belarussischen Volk, an das die Galgenbriefe gerichtet sind). In
Burlaks Text sind diese Rollenverteilungen auf ein Minimum, auf die ethische
Schlüsseldichotomie „Henker – Gehenkte“ reduziert, es gibt kein Drittes, auch
wenn andere Protagonist*innen (Kinder und Eltern) ins Sujet eingeführt werden.
Der Galgendiskurs kommt aus einer rhetorischen Falle nicht heraus, er ist dazu
verdammt, lediglich weitere Details der ihm zugrundeliegenden binären Opposi-
tion zu entwickeln und zu variieren. Gegen eine fundamentale Verschiebung des
Paradigmas erweist er sich als resistent.
Der Mnemotopos der Kalinoŭski-Hinrichtung enthält das Moment bzw. das
Sujet einer Adressierung an das belarussische Volk. Metalinguistische Aspekte
der Galgenmetaphorik sind somit im Chronotopos vorhanden. So verstärkt Viktor
Šnip (geb. 1960) hieratische und ethisch-ästhetische Metaphorisierungen der
schmählichen Hinrichtung durch eine periphere metasprachliche Komponente:
„І ўжо Кастусь, нібы ў звана язык, / Вісіць пад небам, дзе дымяцца хмары“
(Šnip 2010, 55) [Und Kastus’, wie die Zunge einer Glocke, / Hängt schon unter
dem Himmel]. Das Motiv des Glockenklöppels (im Belarussischen wörtlich: Glo-
18 So arbeitet mit Karatkevičs Bild der Schlangenschlinge Viktar Šnip (geb. 1960), ein Dichter
und Prosaiker, dessen poetische Jugend in die 1970er/1980er Jahre fällt, d.h. in die Zeit des größ-
ten Einflusses von Karatkevič in der belarussischen Literatur. Vgl. exemplarisch Šnip 2010. Zu
Šnips Poetik vgl. Makmilin 2011, 319–327. Ein weiteres Beispiel ist ein Kalinoŭski-Gedicht von
Sjaržuk Sokalaŭ-Vojuš (geb. 1957), in dem die Galgenschlinge zum einen parachristologisch mit
dem Dornenkranz und zum anderen mit der höllischen Schlange verglichen wird (Sokalaŭ-Vojuš
2003–2012). Zur Thematik der Lieder, Gedichte und Poeme von Sokalaŭ-Vojuš siehe Makmilin
2011, 392–397.
19 Ein charakteristisches Beispiel für die Metaphorisierung und Metonymisierung der Schlin-
ge ist das Gedicht „Volja i Pjatlja“ [Freiheit und Schlinge] von Sokalaŭ-Vojuš (2009–2018). Die
im Belarussischen unübersehbare bzw. unüberhörbare Assonanz „volja – pjatlja“, die das Sujet
des Gedichts paratextuell vorprogrammiert, verweist unter anderem auf die russische Revolu-
tionsorganisation „Zemlja i Volja“ [Erde und Freiheit], deren radikale sozialistische Rhetorik
Sokalaŭ-Vojuš’ Text belarussisch reinszeniert. Ein anderes Beispiel stellt die oben erwähnte Bal-
lade Viktar Šnips „Balada Franciška Bahušėviča“ [Die Ballade Francišak Bahuševičs] dar, in der
das Bild der Schlangenschlinge im Rahmen der antiimperialen Rhetorik metaphorisiert wird: Die
teuflische Schlange-Schlinge kroch aus Russland hierher (vgl. Šnip 2010).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher