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Der Fluch des Viktimismus
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Praktiken der Macht brandmarkt und prangert z.B. Chadanovičs Frage „Wo ist
Villon?“ an.
Performances mit einem Galgen sind in Belarus keine Seltenheit. So veran-
staltete man am 1. September 2006, an dem Tag also, an dem in Belarus die Schule
und das akademische Jahr beginnt, auf einem der zentralen Plätze in Minsk
einen Flashmob. Am Denkmal des Schriftstellers Jakub Kolas (1882–1956) wurde
ein improvisierter Galgen aufgestellt und der Henker richtete das weiß-rot-weiße
Lehrbuch über die Geschichte von Belarus hin (vgl. Pankavec 2006). Bei diesem
Flashmob realisierte man unwillkürlich Metaphern aus den Gedichten Burlaks
und Karatkevičs. Des Weiteren veranstalteten im Mai 2011 (d.h. nach den Pro-
testen von 2010) oppositionelle Politiker*innen, Menschenrechtsaktivist*innen,
Mütter von politisch Inhaf tierten und einige Vertreter*innen westlicher Botschaf-
ten eine Solidari tätsaktion. Dabei schrieben die Protestierenden in einem Diktat
Kalinoŭskis Galgentestament (Belsat 2011).
Eine andere performative Realisierung des Schwurs „Lieber Gehenkte als
Henker“ stellt eine ‚Aktion‘ des russischsprachigen belarussischen Dichters
Dmitrij Strocev (geb. 1963) dar.24 Nach der Urteilsverkündung gegen die vermeint-
lichen U-Bahn-Attentäter Dmitrij Konovalov (1986–2012) und Vladislav Kovalev
(1986–2012), schrieb Strocev einen offenen Brief an den Präsidenten des Landes
mit der Bitte, das Todesurteil aufzuheben und eine neue Untersuchung einzulei-
ten. Strocev bat darum, ihn hinzurichten, falls sein Appell nicht gehört würde,
und zwar zusammen mit den Angeklagten (Strocev 2011). Mit seinem Brief rea-
lisierte Strocev das innere ethische Credo, das in Burlaks Gedicht metaphorisch-
grotesk artikuliert wurde.
Die im Galgenchronotopos vorprogrammierte Poetik der Tat und die Tat der
Poetik verweisen chiastisch aufeinander. So wird in einem Gedicht Strocevs,
geschrieben bereits nach der hastigen Hinrichtung von Konovalov und Kovalev,
die tragische Antiphrasis seines Appells an den Präsidenten sichtbar:
лучше палачом
чем жертвой
быть
мясником
а не мясом
кусок мяса
топор в руке
(Strocev 2012)
24 Vgl. auch unsere Studien zu Strocevs Poetik, Ananko und Kiršbaum 2018.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher