Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lehrbücher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Page - 229 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 229 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Image of the Page - 229 -

Image of the Page - 229 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text of the Page - 229 -

Der Fluch des Viktimismus    229 Praktiken der Macht brandmarkt und prangert z.B. Chadanovičs Frage „Wo ist Villon?“ an. Performances mit einem Galgen sind in Belarus keine Seltenheit. So veran- staltete man am 1. September 2006, an dem Tag also, an dem in Belarus die Schule und das akademische Jahr beginnt, auf einem der zentralen Plätze in Minsk einen Flashmob. Am Denkmal des Schriftstellers Jakub Kolas (1882–1956) wurde ein improvisierter Galgen aufgestellt und der Henker richtete das weiß-rot-weiße Lehrbuch über die Geschichte von Belarus hin (vgl. Pankavec 2006). Bei diesem Flashmob realisierte man unwillkürlich Metaphern aus den Gedichten Burlaks und Karatkevičs. Des Weiteren veranstalteten im Mai 2011 (d.h. nach den Pro- testen von 2010) oppositionelle Politiker*innen, Menschenrechtsaktivist*innen, Mütter von politisch Inhaf tierten und einige Vertreter*innen westlicher Botschaf- ten eine Solidari tätsaktion. Dabei schrieben die Protestierenden in einem Diktat Kalinoŭskis Galgentestament (Belsat 2011). Eine andere performative Realisierung des Schwurs „Lieber Gehenkte als Henker“ stellt eine ‚Aktion‘ des russischsprachigen belarussischen Dichters Dmitrij Strocev (geb. 1963) dar.24 Nach der Urteilsverkündung gegen die vermeint- lichen U-Bahn-Attentäter Dmitrij Konovalov (1986–2012) und Vladislav Kovalev (1986–2012), schrieb Strocev einen offenen Brief an den Präsidenten des Landes mit der Bitte, das Todesurteil aufzuheben und eine neue Untersuchung einzulei- ten. Strocev bat darum, ihn hinzurichten, falls sein Appell nicht gehört würde, und zwar zusammen mit den Angeklagten (Strocev 2011). Mit seinem Brief rea- lisierte Strocev das innere ethische Credo, das in Burlaks Gedicht metaphorisch- grotesk artikuliert wurde. Die im Galgenchronotopos vorprogrammierte Poetik der Tat und die Tat der Poetik verweisen chiastisch aufeinander. So wird in einem Gedicht Strocevs, geschrieben bereits nach der hastigen Hinrichtung von Konovalov und Kovalev, die tragische Antiphrasis seines Appells an den Präsidenten sichtbar: лучше палачом чем жертвой быть мясником а не мясом кусок мяса топор в руке (Strocev 2012) 24  Vgl. auch unsere Studien zu Strocevs Poetik, Ananko und Kiršbaum 2018.
back to the  book Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten