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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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230    Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum [Lieber Henker als Opfer sein Fleischer und nicht Fleisch ein Stück Fleisch die Axt in der Hand] Strocevs Text zeigt, dass sowohl die belarussischsprachige als auch russischspra- chige Poesie des gegenwärtigen Belarus an den therapeutischen Konstruktionen und Dekonstruktionen des einen, gemeinsamen Traumas arbeiten, das im Gal- genchronotopos akkumuliert wird. Das gesellschaftliche Leben mischt sich in die Schreibmodi ein, die Politik formt und deformiert die Poetik. Ästhetisch aktuell ist zwar der Imperativ der poetischen Privatisierung und Verfremdung tradierter Sujets und Mnemotopoi, aber in der Situation permanenter Repressionen sind Direktheit und Einfach- heit der Aussage angesagt. Es ist wirksamer, auf die staatliche Hetzpropaganda mit simplen und harten Antithesen und Durchhalteparolen zu antworten als mit mehrdeutigen postmodernistischen Spielchen. Der grotesken Staatsgewalt widerspricht und widersteht das Pathos der Resistenz und Solidarität, das seine fatalistische Natur nicht verheimlicht und sich zu seinem Kulturpessimismus und Katastrophismus bekennt. Die Parolen sollen kurz sein und im Gedächtnis bleiben, der Schwur lebt von seiner Eindeutigkeit, umso mehr, wenn die Antiutopie schon längst eingetreten ist, im Innenhof, in dem man einen Galgen aufstellt, oder auf dem Platz, auf dem sich Tausende von Nicht-Einverstandenen versammeln, unter ihnen viele von uns erwähnte Dichter*innen, Schriftsteller*innen, Kritiker*in nen, Leser*innen. 2010 sang Chadanovič auf Minsker Plätzen nicht Rimbaud, sondern das von ihm übersetzte Lied der polnischen Solidarność, Jacek Kaczmarskis (1957–2004) „Mury“ [Mauern], in dessen Finale einmal mehr heroischen Todes gestorben wird (Chadanovič 2013). Und die bela russische Postmoderne bedauert es nicht, dass sie immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren muss, oder mit den Worten aus Chadanovičs Gedicht „Pramova na ploščy“ [Gespräch auf dem Platz] gespro- chen: „Выбар цяпер адзіны – стаяць і чакаць свабоды“ (2010) [Man hat nur eine einzige Wahl: / Stehen zu bleiben und auf die Freiheit zu warten]. Es ist ein Warten auf die Hinrichtung. Die belarussische Literatur ist reif für den Galgen.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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