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Opfertäter und Täteropfer als Figurationen des Dritten?
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weise der Eins und der Zwei zu vermitteln. Eins und Eins ergibt dort bekanntlich
Drei!
Das deckt sich nach Koschorke und Elisabeth von Samsonow auch mit der
kulturhistorischen Semantik der Dreizahl: „vom christlichen Dogma der Trinität
bis hin zu den neuplatonischen Triaden, die in der Renaissance wieder zu großer
Bedeutung gelangten. In dieser Zahlensymbolik war die Dreizahl gewöhnlich
dazu ausersehen, die Entzweiung der Welt zu überwinden und eine als vorgängig
verstandene Einheit zu restituieren“ (Koschorke 2010, 13).6 Aus sozialphilosophi-
scher Betrachtung erkennt Thomas Bedorf für diesen Funktionsparameter auch
eine zwingende Notwendigkeit.
Denn
unter den Bedingungen der Moderne, d.h. des Zerfalls segregierter oder hierarchisch-teleo-
logisch geordneter Gesellschaften, stehen klassischerweise zwei fundamentale Optionen zur
Verfügung. Die eine Option beginnt bei den Einzelnen und versucht, aus ihrer Kooperation,
ihrer Aggregation oder ihrer Interaktion einen Gesellschaftsbegriff zu gewinnen; die andere
setzt bei den Gruppen, Institutionen und Systemen an, um aus ihrer symbolischen Struktur
die Interaktionen zwischen den Einzelnen zu erklären. Zur ersten Variante gehören Vertrags-
theorien und die unterschiedlichen Formen des methodischen Individualismus, zur zweiten
zählen so grundverschiedene Ansätze wie der Funktionalismus oder die Systemtheorie. In
keiner der beiden Optionen besteht Bedarf für eine Figur des Dritten. (Bedorf 2010, 125)
Gerade mit Blick auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und
dem Holocaust haben sich innerhalb der Geschichtswissenschaft vor allem die
Ansätze der Intentionalisten und der Funktionalisten bzw. Strukturalisten für
lange Zeit etabliert und sich beinahe binär zueinander organisiert. So kann, aus-
gehend von Bedorfs Bestandaufnahme, gefragt werden: Was wird über die Figur
des Dritten möglich, sowohl in sozialphilosophischer, in politischer und vor
allem auch in narrativ-darstellender Hinsicht? Welche Aufgabe kommt daher den
ästhetischen und fiktionalen Medien, speziell auch der Literatur zu, um diese
(auch epistemologische) Leerstelle zu kompensieren?
Angelegt an die Soziologie Georg Simmels (1995) besteht der Stellenwert ter-
tiärer Denkfiguren laut Bedorf darin, über „sein Hinzutreten zu einer Relation
zwischen zweien eine überpersönliche Einheit hervorbrin
g[en]“ (2010, 126)
zu lassen. Aus dieser Überpersonalisierung ergibt sich eine Position, „in der
der Dritte gruppenkonstitutiv wirkt und so die Genese der Vergesellschaftung
erklärt. […] Dadurch wird der Dritte zur Scharnierfigur zwischen einer ethisch-
intersubjektiven und einer sozialen Dimension“ (Bedorf 2010, 125–126), die durch
6 Vgl. dazu auch von Samsonow 1998.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher