Page - 245 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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OpfertĂ€ter und TĂ€teropfer als Figurationen des Dritten?â â
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FĂŒr den BĂŒttel gab es kein ZurĂŒck in die Gesellschaft der HĂ€ftlinge. VerstieĂ ihn die Lager-
leitung, hatte er die lÀngste Zeit gelebt. Der Antagonismus zwischen Personal und Insassen
brachte ihn in ein unauflösbares Dilemma. Wer sich einmal mit der Gegenseite eingelassen
und ihr als Spitzel oder Henkersknecht gedient hatte, der hatte unter den Mitgefangenen
sein Leben verwirkt. Die Protektion der SS setzte ihn der Rache der Kameraden aus. Der
Kapo versuchte, sich unentbehrlich zu machen, indem er die ihm ĂŒbertragene Macht exzes-
siv ausĂŒbte. Er war allseits bekannt und gefĂŒrchtet. Aber kaum hatte ihm die SS den PrĂŒgel
aus der Hand geschlagen, waren seine Stunden gezĂ€hlt. (Sofsky 1997, 162â163)
Das bestÀtigt die These, dass diese Variante des TertiÀren der Aufrechterhaltung
und Konkretisation der dualen Strukturen dient. Es ist zugleich schwer dem Kapo
bei TiĆĄma eine eindeutige Zuweisung zu attestieren, denn fĂŒr ihn gilt das von
SchĂŒttpelz auch fĂŒr den Trickster festgemachte und aus Victor Turners Ăberle-
gungen zur LiminalitÀt und zum Schwellenzustand (2005) entwickelte komplexe
und auch situative Geflecht:
Marginale und ausgeschlossene Gruppen werden eine besondere Expertise fĂŒr einige Merk-
male der LiminalitĂ€t â und fĂŒr einige ihrer Ăberlappungen â entwickeln, weil sie aufgrund
ihrer Krisenerfahrungen gezwungen sind, Gestaltungsmöglichkeiten der LiminalitÀt bei
aller Knappheit immer neu zu suchen, und weil sie gezwungen sind, mit gröĂerer PrĂ€zision
auf beiden Seiten eine soziale Grenze zu denken, die sie ausschlieĂt oder gefangen hĂ€lt.
(SchĂŒttpelz 2010, 222)
Das TertiÀre kann also auch als letzte Gestaltungsmöglichkeit der eigenen Iden-
titÀt aufgrund von Krisenerfahrungen gewÀhlt werden, die sich aus der Ressour-
cen-Knappheit an Realisierungsversuchen des Selbst ergeben, vor allem dann,
wenn sich eine eindeutige Zuschreibung als unmöglich oder auch als unbefriedi-
gend erweist. FĂŒr das hier gewĂ€hlte Exempel aus der Lager-Hierarchie bedeutet
das nach Sofsky: âDer Kapo brĂŒllte lauter als der Wachmann, war schneller mit
dem PrĂŒgel bei der Hand, stolzierte herum wie ein kleiner Statthalter, las seinen
Herren jeden Wunsch von den Lippen abâ (1997, 160). Der Versuch einer Anglei-
chung nach oben korrespondierte mit einer Entfernung nach unten, also zu den
eigentlichen MithĂ€ftlingen. âUm sich zu schĂŒtzen, muĂte sich der FunktionĂ€r als
getreuer Gehilfe zeigen. Um nicht getötet zu werden, muĂte er um jeden Preis
an der Macht bleiben und den Terror nach unten verstÀrken. Aber je mehr er die
HĂ€ftlinge schikanierte, desto mehr drohte ihm das Femeurteilâ (Sofsky 1997, 163).
Die scheinbare liminale TertiÀrlösung verdeutlicht nicht so sehr den dialektisch
geschickt ausbalancierten Kompromiss als Modus einer neuen IdentitÀt, sondern
eher den Status einer gedoppelten Nichtzugehörigkeit, der die Mechanismen der
bipolaren Ordnung erst recht zementiert, was fĂŒr den Kapo in TiĆĄmas Roman weit-
reichende Folgen mit sich bringt. Doppelte Unzugehörigkeit â und dafĂŒr werden
bereits die Wurzeln in Lamians Kindheit gelegt â ergibt das tertiĂ€re Schweifen als
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher