Page - 254 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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254 Torsten Voß
synchron mit den Erinnerungen an die einstige Machtposition, dem Scheitern der
Ehe und den politischen Demütigungen in der Umbruchszeit, welche eben das
Verhältnis von Täter und Opfer durcheinanderwirbelt und beide Terme sogar mit-
einander und ineinander amalgamiert.
Inszenatorisch steht hier alles im Zeichen der Melancholie, die nicht nur
aus dem Dissens zwischen Traum und Realität, Vergangenheit und Gegenwart
resultiert, sondern auch in der bitteren Einsicht des früheren Machtträgers, die
wichtigsten Worte niemals ausgesprochen zu haben, die entscheidende Tat, jen-
seits der Macht des Täters, niemals begangen zu haben. Jetzt hindert ihn der Tod
daran, emotional Farbe zu bekennen:
[…] deshalb möchte ich Sie bitten, dem Trottel von meinem sohn zu sagen, der weder allein
zurechtkommt noch auf sich selbst aufpassen kann, ein Versager, ein armer Teufel, ein
kleiner Junge, der Angst vor der Dunkelheit, vor den Zigeunern, vor den Wölfen, vor den
Dieben hat, dem Trottel von meinem sohn zu sagen wie soll ich es Ihnen erklären, wie soll
ich es Ihnen deutlich machen, dem Trottel von meinem sohn zu sagen, daß ich vielleicht
nicht, aber daß, daß ich vielleicht versagt habe, aber daß, dem Trottel von meinem sohn
zu sagen, verstehen Sie, dem Trottel von meinem sohn zu sagen, ich bitte Sie, vergessen
Sie nicht dem Trottel von meinem sohn zu sagen daß ich trotz alledem (Antunes 1997, 457)
lauten Franciscos abgebrochene Worte auf dem Sterbebett im Heim in Alvaverde.
Immer noch ist er tertiär gefangen in einem Konflikt aus postpotentem Männ-
lichkeitsgebaren und authentischen Emotionen, die vielleicht jenseits der Täter-
Opfer-Dichotomie hätten stehen können. Welche Instanz nun letztendlich den
Sieg davongetragen hat, kann nur vermutet werden. Auf der Rezipientenebene
wird nicht deutlich, wie lange er noch weiter so gebrabbelt hätte. Tragisch ist es
allemal und vor dem Panorama der portugiesischen Diktatur das Zeugnis vom
Untergang einer zugleich hybriden, verschrobenen, sinnlichen, amoralischen
und zynischen Gesellschaftsschicht, ja von Charakteren im klassischen Sinne,
die sich – so widersprüchlich das klingt – gerade im Gewand moderner, poly-
phoner und introspektiver Narrativik in ihrer ganzen komplexen Vielfältigkeit als
Täteropfer mitteilen.
5 Auswertung: Figuren des Dritten als
Mechanismen der Macht?
Figurationen des Dritten werden in den drei behandelten Texten nicht einfach
frei gewählt, sondern sind oft systemimmanent und können Mechanismen sozi-
aler und politischer Ordnungen konkretisieren und illustrieren, auch wenn sie
ihnen immer wieder im Schwellenzustand zu entschweben scheinen. Doch dieser
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher