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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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260    Maria Roca Lizarazu Gattung prĂ€gende „Gesinnung zur TotalitĂ€t“ zu tun, um Georg LukĂĄcs zu zitieren (1916, 245), verstanden als tendenzielles Streben nach Geschlossenheit, das ein- hergeht mit teleologischen ErzĂ€hlmustern.2 DemgegenĂŒber betont der Untertitel Geschichten die Offenheit, PluralitĂ€t und Kontingenz historischer Ereignisse und Erfahrungen. Petrowskajas Text begeisterte nicht nur die Kritiker, die den titelgebenden Textauschnitt „Vielleicht Esther“ mit dem prestigetrĂ€chtigen Ingeborg-Bach- mann-Preis auszeichneten, sondern sorgte auch in der germanistischen For- schung fĂŒr Aufsehen. Gemessen an der kurzen Publikationsgeschichte des im Jahre 2014 erschienenen Textes, hat Vielleicht Esther bereits ein beachtliches Maß an akademischer Beachtung gefunden (BĂŒhler-Dietrich 2019; Eckart 2015; Ortner 2017; Osborne 2016; Perrone Capano 2018; Roca Lizarazu 2018; Tzschentke 2015; Vestli 2016; Weiss-Sussex 2017). Die vorhandenen ForschungsbeitrĂ€ge setzen sich mit GedĂ€chtniskonstruktionen und Erinnerungsdiskursen (Osborne 2016; Ortner 2017; Perrone Capano 2018; Roca Lizarazu 2018; Tzschentke 2015), Fragen von IdentitĂ€t und Migration (Eckart 2015; Perrone Capano 2018; Vestli 2016) oder auch den Besonderheiten von Petrowskajas Sprachgebrauch (BĂŒhler-Dietrich 2019; Eckart 2015; Weiss-Sussex 2017) auseinander. Obwohl viele der oben genannten BeitrĂ€ge Fragen nach Opfertum und, in geringerem Maße, nach TĂ€terschaft streifen,3 steht eine explizite Auseinanderset- zung mit Opfer- und TĂ€terdiskursen in Vielleicht Esther bislang noch aus. Der vor- liegende Beitrag will sich diesem zentralen Thema ĂŒber eine „Figur des Dritten“ (Eßlinger et al. 2010) nĂ€hern, indem Nachbar*innen und NachbarschaftsverhĂ€lt- nisse in Petrowskajas Text nĂ€her betrachtet und untersucht werden sollen. Im Kontext von Opfer- und TĂ€terkonstellationen des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, wie sie fĂŒr Vielleicht Esther prĂ€gend sind, ist die Figur des Nach- barn besonders interessant, da er*sie – ganz im Sinne einer „Figur des Dritten“ – „Probleme der Grenzziehung, des Übergangs und der Vermischung zwischen opponierenden Bedeutungsfeldern“ (Koschorke 2010, 11) aufwirft. Der Nachbar in Vielleicht Esther fungiert als höchst ambivalente Figur, die zwischen den Polen 2  Es sollte an dieser Stelle angemerkt werden, dass LukĂĄcs’ Romantheorie von der Spannung zwischen dem tendenziellen TotalitĂ€tsanspruch des Romans und der Unmöglichkeit von Tota- litĂ€tserfahrungen in der Moderne durchzogen ist. Auf gewisse Weise bildet fĂŒr LukĂĄcs die Aus- handlung dieser Spannung den Kern der Gattungsform Roman: „Der Roman ist die Epopöe eines Zeitalters, fĂŒr das die extensive TotalitĂ€t des Lebens nicht mehr sinnfĂ€llig gegeben ist, fĂŒr das die Lebensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden ist, und das dennoch die Gesinnung zur TotalitĂ€t hat“ (1916, 245). 3  Eine Ausnahme stellt Dora Osbornes Beitrag dar, der sich explizit mit dem Zusammenhang von Archiv, Zeugschaft, TĂ€terschaft und Komplizenschaft auseinandersetzt (2016).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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