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Liaisons Dangereusesâ â
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das Thema Nachbarschaft auch aus der geografischen Lage beider LĂ€nder zu
ergeben. Polen, an die Ukraine grenzend, wurde von der ErzÀhlerin schon immer
als begehrenswerte, jedoch zugleich unnahbare Nachbarin wahrgenommen: âAls
ich in Kiew aufwuchs, war Polen, unser nÀchster Nachbar, auf Russisch Polscha,
unsere Nachbarin, ein unerreichbares schönes Auslandâ (VE, 91). Die Polenreise
der ErzÀhlerin trÀgt unter anderem dazu bei, dieses romantisierende Polen-Bild,
das auf ihren Vater zurĂŒckgeht (VE, 92), nach und nach zu demontieren und
die mit dem Thema Nachbarschaft verbundenen Ambivalenzen hervortreten zu
lassen: Polen ist auch das Land, in dem OĆwiÄcim (i.e. die Stadt, in der sich das
Konzentrationslager Auschwitz befindet) und das Warschauer Ghetto liegen,6
und das VerhĂ€ltnis zwischen Pol*innen und JĂŒd*innen vor, wĂ€hrend des und
nach dem Holocaust ist nach wie vor Gegenstand hitziger historiografischer und
gedenkpolitischer Diskussionen, wie sich beispielsweise an der Kontroverse um
die Studie Neighbours des Historikers Jan T. Gross (2001) und erst kĂŒrzlich wieder
in den Debatten um die EinfĂŒhrung des sogenannten âHolocaust-Gesetzesâ
zeigte.7
Die ErzÀhlerin begibt sich also auf gedÀchtnispolitisch vermintes Terrain,
welches sie jedoch als eine auf Deutsch schreibende und in Deutschland lebende
ukrainische JĂŒdin, die sich sowohl als Vertreterin des Opferkollektivs (d.h. des
jĂŒdischen Volkes) als auch der TĂ€tergruppierungen (d.h. der ehemaligen Sow-
jetmacht) begreift, möglicherweise anders durchmessen kann. Wenngleich die
Themen Komplizenschaft und Kollaboration fĂŒr ihre Begegnung mit Polen und
Babij Jar wichtig sind, dient ihr das Thema Nachbarschaft doch zuerst einmal
dazu, historisch abstrakte Kategorien und BinÀroppositionen, wie beispielsweise
âOpferâ vs. âTĂ€ter*innenâ, âJĂŒd*innenâ vs. âNicht-JĂŒd*innenâ und âwirâ vs. âandereâ,
6â Petrowskajas ErzĂ€hlerin verwendet bewusst die im deutschen Kontext eher weniger gebrĂ€uch-
liche polnische Bezeichnung fĂŒr das Vernichtungslager Auschwitz (siehe VE, 57â58). Wie Godela
Weiss-Sussex richtigerweise angemerkt hat, hat dies zum einen mit einem Widerstand gegen
die Formelhaftigkeit der Chiffre Auschwitz zu tun; die Verwendung des polnischen Namens er-
zeugt somit eine Art Verfremdungseffekt (2017). Im Kontext des vorliegenden Beitrags könnte die
Verwendung des polnischen Namens jedoch auch auf die Thematik polnischer (Mit-)TĂ€terschaft
oder zumindest Mitverantwortung verweisen, die durch den Gebrauch des deutschen Namens
möglicherweise ausgeblendet wird. Um genau jene Fragen der Bezeichnung und (Mit-)Verant-
wortung ging es interessanterweise auch wĂ€hrend der Debatten um das umstrittene âHolocaust-
Gesetzâ, das unter anderem die Verwendung des Begriffs âpolnische Konzentrationslagerâ unter
Strafe stellen sollte, siehe hierzu Harper 2016.
7â Anfang 2018 fĂŒhrte die derzeitige polnische Regierung ein Gesetz ein, das es verbietet, dem
polnischen Staat Mitverantwortung an den Verbrechen der Nationalsozialisten zuzuschreiben.
Das Gesetz löste zahlreiche, auch internationale, Kontroversen aus und wurde daraufhin im
Sommer 2018 abgemildert, siehe Dudek 2018; Sierdaka 2018.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher