Page - 264 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Image of the Page - 264 -
Text of the Page - 264 -
264â â Maria Roca Lizarazu
zu destabilisieren. In den Augen der ErzÀhlerin sind diese verallgemeinernden
Zuschreibungen problematisch, da sie es nicht nur den damals Beteiligten,
sondern auch den heute in diesen Gesellschaften Lebenden leichter machen,
das Geschehene von sich abzuspalten. Zugleich haben diese Kategorien einen
naturalisierenden Effekt, da sie die Trennung zwischen âwirâ und âanderenâ als
schon immer gegeben erscheinen lassen und gleichzeitig eine Assoziationskette
aus âJĂŒd*innenâ â âdie anderenâ â âOpferâ perpetuieren. Eben jene essentialisieren-
den Logiken hinterfragt Vielleicht Esther jedoch wiederholt, da sie verschleiern
helfen, dass sich die Gewaltereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts nicht schick-
salhaft, sondern durch die (Nicht-) Taten und Entscheidungen vieler Einzelner
entfaltet haben: â[âŠ] ich sage auch oft natĂŒrlich oder sogar naturgemĂ€Ă, als ob
dieses Verschwinden oder dieses Nichts natĂŒrlich oder auch selbstver stĂ€ndlich
seiâ (VE, 10). Das bereits im Titel angedeutete konjunktivische ErzĂ€hlprogramm
verweist darauf, dass ein anderer Ausgang der Geschichte zwar nicht gegeben
ist, aber möglich gewesen wĂ€re. SchlieĂlich begĂŒnstigt das Denken in den oben
genannten Mustern einen abstrahierenden Blick, der das konkrete (Zusammen-)
Leben und Sterben aller Beteiligten ausblendet und zugleich den Blick auf das
Weiterleben versperrt, denn wenn âJĂŒd*innenâ kategorisch mit âOpfernâ gleichge-
setzt werden, werden sie â zumindest implizit â immer auch als tote und nicht als
lebendige Gemeinschaft gedacht.
Wenn man sich jedoch bewusst macht, dass Opfer und TĂ€ter*innen in vielen
FĂ€llen Nachbar*innen waren, lassen sich diese sauberen Trennungen und die
bequeme Distanz zum Geschehenen nicht aufrechterhalten:
Ja, man nennt diese Opfer fĂŒr gewöhnlich Juden, aber viele meinen damit nur die anderen.
Das ist irrefĂŒhrend, denn die, die da sterben mussten, waren nicht die anderen, sondern
die Schulfreunde, die Kinder aus dem Hinterhof, die Nachbarn, die Omas und die Onkel
[âŠ]. (VE, 185)
Durch den Verweis auf NachbarschaftsverhÀltnisse durchbricht Petrowskajas Text
den Abwehrmechanismus, der âOpferâ mit âJĂŒd*innenâ und den âanderenâ gleich-
setzt. Die JĂŒd*innen waren eben ânicht die anderenâ (VE, 185), sondern verflochten
mit und Teil der Gemeinschaft; die Trennung zwischen âwirâ und âanderenâ wird
dadurch nicht nur als Ausgangspunkt der gewaltsamen Vernichtung, sondern auch
als Produkt einer bestimmten GedÀchtnispolitik im osteuropÀischen Raum sicht-
bar, die die jĂŒdischen Opfer nach wie vor als âdie Toten der ewigen anderenâ (VE,
190) oder als die âWaisen unserer gescheiterten Erinnerungâ (VE, 191) segregiert. In
dem MaĂe, in dem die âJĂŒd*innenâ vom Status der Andersheit abgekoppelt werden,
wird es auch im Falle der âTĂ€ter*innenâ zunehmend schwerer, diese im kollektiven
GedĂ€chtnis als âdie anderenâ (i.e. als die Deutschen) vom Rest der Bevölkerung
abzuspalten. Wenn Opfer wie TĂ€ter*innen Nachbar*innen waren, impliziert dies
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher