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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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266    Maria Roca Lizarazu tig jedoch auch diejenigen sind, die ihr die Treppe herunter- und auf die Straße helfen und sie so – wissentlich oder nicht – in den Tod schicken (VE, 211). Neben diesem unheimlichen Effekt, der das Vertraute suspekt erscheinen lĂ€sst, hat die Fokussierung auf die soziale Mikro-Ebene der Nachbar schaftsverhĂ€ltnisse eine weitere Folge: Indem die abstrakten Kategorien von ‚Opfer‘/,TĂ€ter*innen‘, ‚die anderen‘/,wir‘ in konkrete Nachbarschafts verhĂ€ltnisse ĂŒbersetzt werden, wird die Vernichtung paradoxerweise nicht greifbarer, sondern unvorstellbarer, denn die gelĂ€ufige und vereinfachende BinĂ€ropposition Opfer vs. TĂ€ter*innen wird ersetzt durch ein Netzwerk der implication (Rothberg 2014a, 2014b), das JĂŒd*innen, Pol*innen, Deutsche, Opfer, TĂ€ter*innen, MitlĂ€ufer*innen, Beobachter*innen usw. einbindet und dessen Reichweite sich nur schwer vor- und darstellen lĂ€sst, wie Rothberg in Bezug auf den sĂŒdafrikanischen KĂŒnstler William Kentridge und dessen Auseinandersetzung mit den Nachwirkungen des Apartheitsregimes gezeigt hat (Rothberg 2013). Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Frage, wo eine (Un-)Tat und TĂ€terschaft beginnt, aus Perspektive der implication neu zu stellen ist: ZĂ€hlen die Nachbar*innen, die „Vielleicht Esther“ die Treppe herunterhelfen als (Mit-)TĂ€ter*innen? Wie viel Schuld und Verant wortung tragen all jene, die „hinter den VorhĂ€ngen“ (VE, 222) zuschauen und nichts tun, und wie lassen sich die „Bauern, Priester [
], Menschen, damals noch Kinder [
]“ (VE, 272) beschreiben, die aus variierender NĂ€he und Distanz am Todesmarsch ungarischer JĂŒd*innen von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945 teilnahmen? In den Verhandlungen von Nachbarschaft und implication im Text schwingt demnach auch die grundlegende Frage mit, ob es angesichts der Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts eine ‚unschuldige‘, im Sinne von unbeteiligte oder nicht kompromittierte, Position ĂŒberhaupt geben kann. Das im Text wiederkehrende Paradiesapfel -/SĂŒndenfall-Motiv oder auch die biblische Referenz auf den Bruder- mord von Kain scheinen die Möglichkeit der Schuldlosigkeit zu verneinen: „Wenn Kain Abel getötet hat und Abel keine Kinder hatte, wer sind dann wir?“ (VE, 251) 3 Implication erinnern, erzĂ€hlen, bezeugen WĂ€hrend es im vorherigen Abschnitt darum ging, wie das Thema Nach- barschaft Kategorien wie ‚Opfer‘/,TĂ€ter*innen‘; ‚JĂŒd*innen‘/,Nicht-JĂŒd*innen‘; ‚wir‘/,andere‘ in einer dichotomen Entgegensetzung destabilisiert und gĂ€ngige Konzeptionen von TĂ€terschaft, Schuld und Verantwortung hinterfragt, soll es im Folgenden um die Erinner- und ErzĂ€hlbarkeit der „implicated“ Perspektive gehen, die nicht von BinaritĂ€ten, sondern von Nachbarschaftlichkeit und Ver- flochtenheit ausgeht. Diese Verstrickungen stellen eine Herausforderung fĂŒr das Gedenken an die Verbrechen dar, da nicht nur unklar ist, wem Opfer und
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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