Page - 270 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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270â â Maria Roca Lizarazu
2019; Eckart 2015; Weiss-Sussex 2017). Das Schreiben in âder Kluft der Sprachenâ
(VE, 115) ermöglicht es der ErzÀhlerin, einen im positiven Sinne heimatlosen,
âperfekt verloren[en]â (VE, 115) Standpunkt einzunehmen, der auch die oben
erwĂ€hnte, âgemeinsame Erinnerungâ begĂŒnstigt, denn Festlegungen und Grenz-
ziehungen werden gelockert: âWer hat wen erobert, wer gehört zu den Meinen,
wer zu den anderen, welches Ufer ist meins?â (VE, 115).10 Damit eng verbunden
ist ein assoziativer Zugang zu Sprache, der zahlreiche linguistische Verflechtun-
gen erzeugt, etwa wenn die ErzĂ€hlerin ĂŒber den Fikus berichtet, der wĂ€hrend
der Flucht der Familie aus Kiew ihrem Vater auf dem Lastwagen weichen musste
und zurĂŒckgelassen wurde und dem sie somit auch ihr eigenes Leben verdankt
(VE, 216â220). Es bleibt unklar, ob sich die Geschichte mit dem Fikus wirklich so
zugetragen hat, gleichzeitig ist er jedoch bestimmend fĂŒr das Herkunftsnarrativ
der ErzĂ€hlerin, weshalb die Pflanze zwischen Fiktion, âFixpunktâ (VE, 217) und
Fixierung changiert. Die Verkettung dieser Wörter, die zuerst einmal ĂŒber lautli-
che Ăhnlichkeit funktioniert, verweist damit auf tieferliegende ZusammenhĂ€nge.
Wie Godela Weiss-Sussex ĂŒberzeugend argumentiert, ermöglicht der assoziative
Sprachgebrauch im Text nicht nur neue Verbindungen und ein multiperspektivi-
sches Narrativ (Weiss-Sussex 2017), er schĂ€rft auch das GespĂŒr der Leser*innen
fĂŒr sprachliche Nach- und MissklĂ€nge, Sedimente und VerdrĂ€ngtes, also das im
Begriff implication auch mitschwingende Implizite, beispielsweise, wenn sich die
ErzĂ€hlerin nach ihrem Besuch in Auschwitz partout nicht âkonzentrierenâ kann
(VE, 59) oder von ihren Schwierigkeiten âeine Einstellung zur Arbeit zu findenâ
(VE, 60) berichtet, da das deutsche Wort sich fĂŒr sie nicht von der Toraufschrift
von Auschwitz, âArbeit macht freiâ, trennen lĂ€sst. Wie Elin Nesje Vestli anmerkt,
ist Petrowskajas Sprachgebrauch grundsÀtzlich vielschichtig und mehrdeutig,
bei ihr âschreiben [âŠ] die anderen Sprachen mitâ (2016, 155). Ebenso schreiben
aber auch die anderen Texte, Erinnerungskulturen und Bewusst
seinsebenen mit,
so dass Literatur, Sprache und GedÀchtnis als Palimpseste begreifbar werden.
Damit ĂŒbersetzt der Text die palimpsestischen Ăberlagerungen, die das Erinnern
und die Topografien im Text (Berlin, Kalisz, Warschau, Babij Jar) prÀgen, in eine
angemessene sprachliche Form.11
10â Annette BĂŒhler-Dietrich merkt auĂerdem richtigerweise an, dass die Mehrsprachigkeit im
Text einen âAusweg aus der offiziellen russischen Sprache der Politik und der Geschichtsschrei-
bungâ (2019, 235) bietet, die im Text mit festgezurrten TĂ€ter- und Opfernarrativen, VerdrĂ€ngung
und (staatlich verordnetem) Vergessen assoziiert ist.
11â Im Hinblick auf das Schaffen des sĂŒdafrikanischen KĂŒnstlers William Kentridge merkt Mi-
chael Rothberg an, dass âpalimpsest, morphing, and processionâ (2012, 9) als wesentliche Stra-
tegien fĂŒr die kĂŒnstlerische Darstellung und Verarbeitung von einer âimplicatedâ Perspektive
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher