Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
LehrbĂŒcher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Page - 272 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 272 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Image of the Page - 272 -

Image of the Page - 272 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text of the Page - 272 -

272    Maria Roca Lizarazu der ErzĂ€hlerin besonders deutlich in dem Kapitel, das sich um Babij Yar und die titelgebende Urgroßmutter „Vielleicht Esther“ dreht. Da es keine Augenzeugenbe- richte zu den letzten Momenten im Leben ihrer Urgroßmutter gibt, ist die ErzĂ€hle- rin auf Vermutungen und das bereits erwĂ€hnte konjunktivische ErzĂ€hlprogramm angewiesen: „Wer flĂŒstert uns Geschichten ein, fĂŒr die es keine Zeugen gibt?“ (VE, 221). Diese Problematik gewinnt an SchĂ€rfe im weiteren Kontext des Babij Jar-Massakers, da es kaum Überlebende gab und die Erinnerung an die Ereignisse von Seiten des sowjetischen und spĂ€ter ukrainischen Staates ĂŒber Jahrzehnte systematisch verdrĂ€ngt wurde. Ein offizielles Denkmal fĂŒr die jĂŒdischen Opfer des Massakers wurde erst im Jahr 1991 errichtet und bis heute wird die Tatsa- che, dass die Opfer von Babij Jar beinahe ausschließlich aufgrund ihrer jĂŒdischen Herkunft ermordet wurden, im offiziellen GedĂ€chtnisdiskurs weitgehend ausge- blendet (zur Geschichte Babij Jars als Erinnerungsort siehe Rapson 2014, 2015). Was bleibt angesichts dieser kollektiven Amnesie, ist ein Netzwerk „unsichtbarer Zeugen“ (VE, 222), das jedoch weder fĂŒr die ErzĂ€hlerin noch fĂŒr die Geschichts- schreibung zugĂ€nglich ist: [
] Passanten, die VerkĂ€uferinnen in der BĂ€ckerei drei Stufen tiefer und die Nachbarn hinter den VorhĂ€ngen dieser dicht bewohnten Straße, eine nirgendwo erwĂ€hnte, gesichts- lose Masse fĂŒr die großen FlĂŒchtlingszĂŒge. Sie sind die letzten ErzĂ€hler. Wohin sind die alle umgezogen? (VE, 222) Was sich hier auftut, ist eine ungeschriebene und vermutlich auch nie zu schrei- bende Geschichte des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, die ein Ă€stheti- sches, epistemologisches und, im Hinblick auf die kollektiv verordnete Amnesie im sowjetischen Kontext, letztlich auch ethisches und politisches Problem darstellt. Der Text Vielleicht Esther interveniert in diese Problematik zum einen durch den selbstreflexiven Einsatz von Fiktion an jenen Stellen, an denen das Faktische not- wendigerweise an seine Grenzen stĂ¶ĂŸt, und zum anderen durch eine alternative Erinnerungspolitik, die wesentliche Elemente des Nachbarschaftlichen – nĂ€mlich KontiguitĂ€t, Kontingenz und (Über-) Kreuzung – als Ausgangspunkt fĂŒr neue, inklusive und nicht essentiali sierende Formen der Vergemeinschaftung nimmt. 4 KontiguitĂ€t, Kontingenz und (Über-)Kreuzung Der vorliegende Beitrag hat sich vornehmlich dem Zusammenhang von Nach- barschaft und implication gewidmet, d.h. dem Problem der Verstrickung, das Opfer- und TĂ€terrollen nachhaltig destabilisiert. In diesem Kontext sind Nach- barn vor allem als negative, oder doch zumindest ambivalente Figuren aufgetre-
back to the  book Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
LehrbĂŒcher
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten