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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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294    Eva Kowollik ruhelos hin- und herpendeln, verliert des lauten Turbofolks wegen schließlich die Nerven. Ohne nachzudenken brüllt er einen Fluch, den früher sein Vater benutzt hat. Unmittelbar nachdem er unbewusst seines Vaters Worte ausgesprochen hat, taucht schlagartig eine mit diesem Fluch verbundene, vergessen geglaubte Kindheitserinnerung wieder auf. Die Erinnerung an einen gemeinsamen Besuch auf dem Pulaer Filmfestival im Amphitheater („Arena“) Ende der 1980er Jahre ist – typisch für traumatische Erinnerungen bzw. Flashbacks (Caruth 1995, 152) – unvorhergesehen und außergewöhnlich klar und deutlich: „More marš u pičku materinu!“ […] Primože sem dal na „mute“ in se odsotno zazrl predse. Bila je Nedeljkova kletvica, […] in naenkrat sem ga živo videl, kako se, držeč me čvrsto za roko, prepira s tipom na vhodu v Areno. (Vojnović 2013a, 148) „More marš u pičku materinu!“ […] Ich hatte die Primože auf „mute“ geschaltet und starrte jetzt abwesend vor mich hin. Das war Nedeljkos Fluch gewesen, […] und auf einmal sah ich ihn lebendig vor mir, wie er, mich fest an der Hand haltend, sich mit einem Typ am Eingang zur Arena streitet. (Vojnović 2016, 131)22 Die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit der Tätergeschichte seines Vaters sowie dem implementierten Opfernarrativ ist also untrennbar mit den verdräng- ten und grundliegend positiv konnotierten Erinnerungen an die Kindheit in Jugoslawien und an seinen Vater verknüpft. Sind diese Erinnerungen durch den Zerfall Jugoslawiens, den Heimat- und Sprachverlust und den angeblichen Tod des Vaters als traumatisch zu werten, so werden sie nun in der Auseinanderset- zung des Erzählers mit seinem Vater in Form von Flashbacks aktiviert und verlei- hen der Täterfigur des Vaters aus der Perspektive des Sohnes eine ambivalente Zeichnung. Die letztendliche Konfrontation mit dem untergetauchten Vater in einem Café in Wien ist unversöhnlich. Hier dominiert des Vaters Schlüsselbegriff „Schick- sal“, den dieser argumentativ aus dem familiären Opfernarrativ herleitet. Und nun kommt Nedeljko das erste Mal selbst zu Wort: In potem sem […] se spomnil zgodbe svojega očeta … in kupa, na katerem so bila trupla njegove, moje, tvoje družine. […] Vse je bilo zame že vnaprej določeno. Nikoli tu ni bilo nobene izbire. […] Tista vojna se je s to vojno le nadaljevala in Milutinova usoda je postala moja usoda. (Vojnović 2013a, 256–257) 22  ‚Primož‘ ist eine auf den slowenischen Reformator Primož Trubar anspielende stereotype Bezeichnung für die Slowenen (vgl. Vojnović 2016, 255), von denen sich der Ich-Erzähler hier distanziert.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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