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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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296    Eva Kowollik zuhören willst.‘ ‚Warum sollte ich dir zuhören?! Du hast mich zum Atheisten erzogen, du großer Kommunist, Und jetzt möchtest du mir vom Schicksal predi- gen‘“ (Vojnović 2016, 234)]. Das dialogische Potenzial des Romans äußert sich also weniger in der Figu- renkonstellation, denn Vladans Gesprächspartner sind weit von einer Anerken- nung einer Perspektive des Anderen entfernt. Dialogisches Erinnern geschieht auf der Ebene des Diskurses, mithin der Dekonstruktion des Opfernarrativs durch die Hauptfigur. Worin liegt nun das Entscheidende in der Konzeption der zuhö- renden Erzählerfigur? Wie oben ausgeführt liegt die Funktion bezeugender Zuhö- rerschaft in der Übernahme von Verantwor tung.23 Und genau dies tut Vladan, indem er sich eben nicht vom manipulativ eingesetzten Opfernarrativ vereinnah- men lässt. Er übernimmt Verant wortung für die Anderen, für die während des Massakers im November 1991 getöteten Dorfbewohner, denen im Roman selbst an keiner Stelle eine Stimme oder Perspektive zukommt. Ihre Existenz wird jedoch durch Fotos, die den Vater neben Leichen und vor einem Leichenberg zeigen, sowie in kurzen Imaginationen des Protagonisten immerhin angedeutet: Šele zdaj sem dojel, da stoji vojak ob ženskem truplu in se s svojo nogo opira nanj, da se mu med zavezovanjem vezalk ne bi bilo treba preveč sklanjati. […] Na tretji je poleg mrtvaške grmade, na katero je bilo zdaj odvrženo še peto, otroško truplo, stal vojak. (Vojnović 2013a, 234) Jetzt erst erfasste ich, dass der Soldat neben einem weiblichen Torso stand und seinen Fuß auf ihn gesetzt hatte, um sich beim Binden der Schnürsenkel nicht zu tief bücken zu müssen. […] Auf dem dritten [Foto] stand der Soldat neben dem Leichenhaufen, auf den jetzt noch ein fünfter, ein Kinderkörper, geworfen war. (Vojnović 2016, 210) Die Analogie zwischen dem Leichenhaufen der eigenen Familie, von dessen Leiden Vladans Großvater kein Zeugnis abgeben konnte oder durfte, und dem Leichenhaufen der Bewohner des kroatischen Dorfes, deren Ermordung der Vater zu verantworten hat, wird vom Vater mit Hilfe des Opfernarrativs als Rechtferti- gung eines Rache-Aktes gebraucht. Der sich dieser Argumentation verweigernde Protagonist übernimmt somit deutlich Verantwortung für die Vergangenheit. Trotz – oder gar aufgrund – dieser klaren Positionierung ist es Goran Vojnović gelungen, in seinem Roman Zwischenräume herauszuarbeiten und Alternativen zu binaristischen Vorstellungen von Opfern und Tätern aufzuzeigen. Er nähert sich demnach den von Daniela Mehler geforderten „Graustufen“ an, dem Aufzeigen der „Doppelrollen von Akteuren als Täter-Opfer sowie Opfer-Täter“ (2015, 300) als 23  Vgl. das unter Punkt 2 ausgeführte Konzept der sekundären Zeugenschaft.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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