Page - 302 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Image of the Page - 302 -
Text of the Page - 302 -
302â â Ioannis Pangalos
1 Geschichtlicher Aufriss und
erinnerungsdiskursive Aufarbeitung
Der griechische (1946â1949) und der spanische (1936â1939) BĂŒrgerkrieg gehören
zu den blutigsten Konflikten des zwanzigsten Jahrhunderts und weisen auffal-
lende Gemeinsamkeiten sowohl in historischer als auch in politischer Hinsicht
auf. WĂ€hrend der innergriechische Konflikt als ein Epilog des Zweiten Weltkriegs
gilt, so ist der zehn Jahre vorher ausgetragene spanische BĂŒrgerkrieg (1936â1939)
im westlichen Mittelmeerraum als dessen Vorspiel zu deuten (Kalyvas 2005,
XIII). Beide enden mit der Niederlage der linken bzw. republikanischen KrÀfte.
Und auf beide folgen ĂŒber Jahrzehnte hinweg repressive rechtsgerichtete Regime,
die ihre politischen Gegner*innen gnadenlos verfolgen und sich schwerer
Menschenrechts
verletzungen schuldig machen. Hier muss allerdings klÀrend
hinzugefĂŒgt werden, dass in Griechenland die Staatsform â zumindest formell â
demokratisch ist, obwohl totalitÀre VerhÀltnisse bestehen. Eine offene Diktatur,
die bis 1974 andauert, gibt es erst ab 1967. Der Fall der Diktatur markiert auch
den Ăbergang zu einer bis heute gĂŒltigen, pluralistischen sowie demokratischen
Verfassung. In Spanien dagegen folgt auf den BĂŒrgerkrieg die Franco-Diktatur,
die erst mit dem Tod des Caudillo 1975 zu Ende geht und so die Transition zur
Demokratie ermöglicht.4
Die Etappen der kollektiven Erinnerung an diese innerstaatlichen Konfron-
tationen weisen in beiden LĂ€ndern bemerkenswerte Parallelen auf â jedenfalls
wÀhrend des oben skizzierten Zeitabschnitts. Wie zu erwarten, setzt sich sowohl
in Griechenland als auch in Spanien das SiegergedĂ€chtnis durch â die damna-
tio memoriae der Herrschenden geht so weit, dass auch der Begriff âBĂŒrgerkriegâ
tabuisiert wird und in Spanien von âglorreichem Aufstandâ und âKreuzzugâ die
Rede ist (Aguilar 2005, 58), wÀhrend in Griechenland der blutige Bruderzwist als
âBandenkriegâ (Van Boeschoten et al. 2008, 21) bezeichnet wird. In der histori-
schen Forschung ist die Rede von einer eigenartigen (weitgehend gesamtgesell-
schaftlich akzeptierten) omertĂ , die den öffentlichen Diskurs ĂŒber die traumati-
schen Jahre verschleiert (Van Boeschoten et al. 2008, 16â22). Auch die exilierten
Linken gedenken nicht gerne dieser Auseinandersetzung. Jedenfalls ziehen es
die griechischen Kommunisten vor â teils aus politisch-taktischen GrĂŒnden, teils
wegen der noch akuten Traumatisierung â auf den volkseinigenden Widerstand
4â
Ein kurzer, jedoch inhaltsreicher historischer Vergleich beider BĂŒrgerkriege findet sich in
Kalyvas 2005, XIIIâXVIII; die Literatur zur geschichtlichen Darstellung der beiden Auseinan-
dersetzungen ist mittlerweile unĂŒbersichtlich geworden. Ich verweise beispielhaft auf zwei der
kompaktesten Darstellungen: Graham 2008; Iatrides und Wrigley 1995.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher