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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative    303 gegen die deutsche Okkupation zu fokussieren (Van Boeschoten et al. 2008, 18–19, 63–64). Die gravierendsten Unterschiede in der Erinnerungspraxis der betroffenen Länder treten erst ab Mitte der 1970er Jahre zutage, als der Übergang zur Demo- kratie stattfindet. Während die spanische transición auf Generalamnestie und einen Pakt des Schweigens und Vergessens der involvierten Parteien über den franquistischen Terror setzt (Bernecker und Brinkmann 2011, 229–282), bringt die griechische Justiz die Hauptakteur*in nen der siebenjährigen Diktatur vor Gericht und verhängt lebenslängliche Gefängnisstrafen (Kremmydas 1984). Darüber hinaus wird der ‚nationale Widerstand‘ gegen die deutsche Besatzung aner- kannt. 1989 schließlich wird das Gesetz zur „Aufhebung der Folgen des Bürger- kriegs 1946–1949“ beschlossen, das u.a. die Verbrennung der Polizeiakten anord- net (Van Boeschoten et al. 2008, 21), eine Maßnahme, die auf die ‚Versöhnung‘ abzielt. Jedenfalls wird in Griechenland offen – und meist kontrovers – über den Bürgerkrieg diskutiert und publiziert, während in Spanien die ‚Erinnerungs- welle‘ erst um die Jahrtausendwende anhebt und erhitzte politische Konfronta- tionen mit sich bringt. Diese Periode (1996–2004) wird in der Studie von Berne- cker und Brinkmann (2011) unter der Überschrift „Rückkehr der Vergangenheit“ verhandelt (283–318). Die erregten Debatten und der Druck von Bürger initiativen kulminieren 2007 in der Verabschiedung eines umstrittenen Reparationsgesetzes (Ley de Memoria Histórica), das alle Opfer des Bürgerkriegs und des Franquismus betrifft (Bernecker und Brinkmann 2011, 339–353). Das jahrzehntelange öffentliche ‚Beschweigen‘ erzeugt auf beiden Seiten des politischen Spektrums Opfernarrative in der Alltagskultur. „Opfer seid ihr Brüder gefallen im ungleichen Kampf“ (Sini 2015) heißt es in einem emblematischen griechischen Partisanenlied, während in einem geflügelten Wort, das in rechten Kreisen zirkuliert, dem Nationalisten als Schreck gespenst der kommunistische ‚Bandit‘ erscheint, der seine Gegner „mit der Konservenbüchse schlachtet“ (Kar- pozilou 2016). Die Literatur als Teil des kollektiven Gedächtnisses folgt dieser Polarisierung. Werke, die explizit auf Versöhnung zielen, wie das Lied des Toten Bruders von Mikis Theodorakis (Liederzyklus, 1961) und Brudermörder von Nikos Kazantzakis (1963) stellen eher eine Ausnahme dar. Die Abweichungen von der literarischen Norm während der ‚dunklen‘ Nachkriegsjahrzehnte zu dokumentie- ren, wäre ein interessantes Forschungsvorhaben, das die Grenzen dieses Beitrags sprengen würde. Dass dieses gespaltene Gedächtnis in der demokratischen Über- gangsphase nicht nur aufrechterhalten wird, sondern sogar seinen Höhepunkt erreicht, soll im Folgenden anhand von Opfernarrativen in der griechischen Lite- ratur gezeigt werden.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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