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Ioannis Pangalos
2 Literarische Opfernarrative in den 1980er Jahren
Sich auf Sabrow beziehend trifft Aleida Assmann die Unterscheidung zwischen
sacrifice und victim, zwischen ‚heroischem Opfer‘ und ‚Leidensopfer‘ und weist
auch auf die Dialektik zwischen diesen Opfermodi hin (Assmann 2013, 144–145).
Die Linke oszilliert nach den Bürgerkriegen zwischen diesen beiden Formen. Für
die parteiliche Orthodoxie (und vorwiegend bei den politischen Flüchtlingen
im Ostblock) dominiert die erste Variante: Die für die kommunistischen Ideale
gefallenen Genoss*innen werden zu Märtyrer*innen erhoben (Van Boeschoten
et al. 2008, 39). Sie haben ihr Leben nicht umsonst geopfert – eine Optik, die
auch in der während des Bürgerkriegs in Griechenland verfassten Literatur vor-
herrschend ist, z.B. in den Texten I Fotia und vor allem Mourgana von Dimitris
Chatzis. Das Faktum der Niederlage favorisiert aber auch die andere Sicht: Melan-
cholie, Bedrängnis, Gefühle der Sinnlosigkeit. Der in der griechischen Literatur-
geschichtsschreibung eingebürgerte Begriff ‚Poesie der Niederlage‘, der eine
Gruppe von politisch links verorteten Werken der Nachkriegszeit bezeichnet,
trägt genau dieser Tendenz Rechnung (Raftopoulos 2012, 296–313). Oft sind Texte
dieser Richtung mit einer vernichtenden Kritik der Parteiführung und ihrer Prak-
tiken (nicht zuletzt während des Bürgerkriegs) verbunden. Prominentes Beispiel
im Bereich der großen Form ist der kafkaeske Roman To Kivotio [Die Kiste] von Aris
Alexandrou: Die Absurdität waltet in den eigenen Reihen, von Heroisierung kann
nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Bekämpft von den Nationalisten und ver-
raten von seiner eigenen Führung, befindet sich der*die linke Kämpfer*in in einer
aussichtslosen Lage (Raftopoulos 2012, 117–132). Er*Sie ist ein Leidensopfer. Eine
mittlere Position in dieser Polarität nimmt die – inzwischen als kanonisch gel-
tende – Trilogie Steuerlose Städte von Stratis Tsirkas ein, die im größten Teil den
antifaschistischen Kampf im Nahen Osten und in Ägypten darstellt. Die führen-
den Parteifunktionäre haben zwar fatale Fehler begangen, sodass die selbstlosen
Freiheitskämpfer*innen zwischen vielen Fronten zermalmt wurden – nationalso-
zialistische Besatzer*innen, englische ‚Alliierte‘, griechische Monarchist*innen,
stalinistische Parteibonzen –, die Ideale, für die gerungen wurde, sind jedoch
intakt geblieben. Diese Auffassung findet in verschiedenen Kombinationen und
Varianten ihren Niederschlag in der nachdiktatorischen Literatur – eine Ära, die
im Griechischen als Metapolitefsi bekannt ist. Nicht zufällig ist natürlich, dass die
Steuerlosen Städte zum exemplarischen Roman der Nachkriegszeit avancierten.
Eine ausführliche Kartografie der Literatur dieser Zeit (1974–1990) kann hier
nicht geboten werden. Nur so viel kann gesagt werden, dass sich eine starke öffent-
liche linke Erinnerungsgemeinschaft ausgebildet hat. Diese Entwicklung findet
ihren Höhepunkt nach 1981 mit dem Wahlsieg der Panhellenischen Sozialisti-
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher