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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative    309 Gewaltgeschichte“ (2013, 197) definiert. Dieses Konzept mutet ziemlich utopisch an und die Forscherin selbst gesteht zu, dass es nur ansatzweise und sehr zaghaft praktiziert wird (2013, 202–203). Womit sich der politische und gesellschaftliche Diskurs meistens sehr schwertut, wird von der Literatur oft viel leichter bewäl- tigt (Bister 2014, 17). Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne die Unterschiede zwischen Täter*innen und Opfern zu verwischen, nicht in ein Opfernarrativ zu verfallen, sondern die Erinnerung und das Leid des Anderen zu würdigen und anzuerkennen – das Erzielen einer solchen Balance hört sich wie ein Versuch der Quadratur des Kreises an, ist aber in fiktionalen Texten durchaus möglich. Einige relevante Beispiele werden im Folgenden angesprochen. 3.1.1 Soldados de Salamina: Die permanente Prozesshaftigkeit der Vergangenheitskonstruktion Der charakteristischste Fall einer solchen Prozesshaftigkeit begegnet uns im Best- seller von Javier Cercas Soldados de Salamina (2001, dt. Soldaten von Salamis, 2017): Nachdem ein zeitgenössischer liberaler Intellektueller7 zufällig auf die Geschichte eines falangistischen Funktionärs stößt, dem ein republikanischer Soldat gegen Ende des Bürgerkriegs das Leben gerettet hat, unternimmt er den Versuch, die Biografie des Faschisten zu rekonstruieren, also das Gedächtnis des ‚Anderen‘ zu evozieren und somit in eine sonderbare ‚Erinnerungsalterität‘ ein- zutauchen. Die Rechnung dieser ‚Erinnerungsalterität‘ geht nicht ganz auf und letzten Endes wird das Gedächtnis an den antifaschistischen Kämpfer zum ‚rich- tigen‘ oder dem einzig würdigen erklärt. Aber die Gedächtnis- und Literaturarbeit an Sánchez Mazas, dem Falangisten, wird nicht verworfen, sondern abgedruckt und bildet den größten Teil des Buches. Beide Versionen der Vergangenheit kommen zum Ausdruck und werden zum Gegenstand literarischer und historio- grafischer Bearbeitung, gehören somit zum kollektiven Gedächtnis. Das beidsei- tige Recht auf Erinnerung, das postuliert wird – und das auch durch andere Sym- metrien des Textes bestärkt wird –, könnte auch als „integratives Gedächtnis“ (Pangalos 2017, 381) bezeichnet werden. Seinen prägnanten und genuin litera- rischen Ausdruck findet es in einem leitmotivischen Symbol, das das Opfer mit dem Täter sowie die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet: Im vorliegenden 7  Luengo (2012, 222, 232–233) zufolge macht der Protagonist die „evolución ideológica de un escritor“ [ideologische Entwicklung eines Schriftstellers] durch, die von der Indifferenz, über das unparteiische Interesse am Lebenslauf eines Falangisten, zur Parteinahme für die unbe- wussten Retter der Zivilisation führt.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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