Page - 312 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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312 Ioannis Pangalos
Oft wird diese Literatur unter dem Zeichen der „Versöhnung“ (Jünke 2012, 99,
351) verhandelt. Diesen Begriff würde ich vermeiden, denn er verweist auf eine
voraussetzungslose Absolution, eventuell ein Vergessen der Verbrechen (was für
eine Erinnerungsliteratur absurd wäre), oder auf eine Äquidistanz zwischen den
‚Lagern‘, was unter dem Vorwand der symmetrischen Gewalt suggerieren würde,
einen Schlussstrich zu setzen.9 Dem ist aber nicht so. „Verstehen ist nicht unbe-
dingt mit Verzeihen gleichzusetzen“ (Assmann 2006, 27). Der „antagonistische
Modus“ im Sinne eines akuten Erinnerungskampfs, in dem „Erinnerungskon-
kurrenzen literarisch ausgehandelt“ (Erll 2005b, 269) werden, ist natürlich abge-
schwächt, aber ist unterschwellig doch da: Die Erzähler*innen bekennen – mehr
oder weniger – Farbe.10 Eher würde man sagen, dass die Werke Szenarien einer
möglichen Versöhnung durchspielen, die ‚Bedingung ihrer Möglichkeit‘ ergrün-
den. Reue – Buße – Vergebung: Das ist das Triptychon, das – sei es auch als
Wunsch
vorstellung – den meisten Autor*innen vorzuschweben scheint.
3.2 Familientradition und Identitätsproblematik
3.2.1 Porphyra Gelia: Der Bürgerkrieg als dionysischer Rausch
Ausgangspunkt des Romans Porphyra Gelia [Purpurne Gelächter] von Michel Fais
(2010)11 ist der an das Theater des Absurden gemahnende Dialog zwischen einem
Enkel und seiner dementen altkommunistischen Großmutter, wobei Ionesco aus-
drücklich erwähnt wird (F, 81). Die beiden sind Mitglieder einer zeitgenössischen
dysfunktionalen griechischen Familie. Der Enkel macht die despotische und dog-
matische Haltung der Großmutter für den Tod seines Großvaters und seiner Eltern
verantwortlich (F, 70) und lässt seiner Wut freien Lauf. Der „αμνησία“ [Amnesie]
der Großmutter seine eigene „υπερμνησία“ [Hypermnesie] (F, 77) entgegenset-
zend, bezieht er sich delirierend auf den Bürgerkrieg, wobei er die dogmatischen,
stalinistischen Führungskader der Kommunist*innen und ihre Anhänger*innen
(zu denen auch die Großmutter gehört) beschuldigt, in ihrem Fanatismus und
9
In der vorher genannten Studie von Claudia Jünke (2012, 353) ist „Versöhnung“ negativ kon-
notiert, da sie mit „Entpolitisierung“, „Enthistorisierung“ und „Harmonisierungs tendenzen“
einhergehe. Diese Tendenz konstatiert die Autorin für die Mehrzahl der um das Millennium ent-
standenen Werke, die den spanischen Bürgerkrieg betreffen.
10
Luengo (2012, 233) schreibt z.B. über Soldados de Salamina: „esta novela se ha considerado
como ejemplo de literatura comprometida“ [dieser Roman wurde als ein Beispiel engagierter
Literatur angesehen].
11
Im Folgenden abgekürzt mit der Sigle F, Seitenangabe.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher