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316 Ioannis Pangalos
Figur 1956 in Ungarn verstorben ist –, gemahnt diese freudsche ‚Wiederkehr des
Verdrängten‘ stark an das gedächtnistheoretische Konzept der Postmemory.13
Die heranwachsende Myrsini erfährt nur heimlich, zufällig und bruchstückhaft
Informationen über ihren wirklichen Vater, und zwar durch Diskussionen der
anderen Familienangehörigen, „πίσω από την πόρτα ταμπουρωμένη“ [verbarri-
kadiert hinter der Tür] (T, 211). Seine schattenhafte Präsenz nimmt für sie den
Charakter des phantom14 an, wie der auktoriale Erzähler, die Gefühle der inzwi-
schen erwachsenen Myrsini bezüglich ihres biologischen Vaters beschreibend,
andeutet: „Τι σημασία όμως μπορεί να έχει μια ζωή, η δικαίωση ή η διάψευσή της,
η νίκη ή η ήττα, συνολικά η αποτίμησή της, όταν είναι άγραφη η προηγούμενη
διαδρομή της“ [Welchen Sinn konnte jedoch ein Leben besitzen, seine Vollen-
dung oder sein Versagen, der Sieg oder die Niederlage, im Großen und Ganzen
seine Bilanz, wenn seine vorherige Laufbahn unbekannt ist?] (T, 229–230). Die
beschwiegene, namenlose Existenz ihres Vaters, sowie die infame Denunziation
durch den Onkel, die unbestraft blieb, lasten schwer auf ihr: „Έτσι ήρθαν όλα
μαζί, η αδικία, η ατιμωρησία, η ανεκπλήρωτη λύτρωση, κι έδεσαν σ’ έναν γόρδιο
κόμπο στα σωθικά και στο μυαλό της“ [So fügte sich alles zusammen, die Unge-
rechtigkeit, die Straflosigkeit, die nicht erfüllte Erlösung und schnürte sich zu
einem gordischen Knoten in ihrem Bauch und in ihrem Kopf] (T, 230–231).
Noch in den 1990er Jahren – als Einundvierzigjährige, die seit langem fern
von zu Hause mit ihrem Stiefvater auf einer ägäischen Insel lebt und arbeitet –,
leidet sie an den Folgen ihres Traumas. Sie kann keine festen Beziehungen einge-
hen, glaubt an die prophetische Kraft der Träume (wie ihre Großmutter), zuwei-
len wird auch auf „τη βύθισή της στη μελαγχολία“ [ihr Versinken in Melancholie]
(T, 236) Bezug genommen. Der geistliche Michalis, ihr Stiefvater,
διαπίστωνε ότι το τραύμα που κουβαλούσε από τα εφηβικά της χρόνια δεν έλεγε να επουλω-
θεί, αλλά αντίθετα φούντωνε απότομα σαν ηφαίστειο που κοιμόταν αν το ’φερνε η συζήτηση
ή με οποιαδήποτε άλλη ευκαιρία βγάζοντας στην επιφάνεια τον βουβό θυμό της. (T, 241)
13 „Postmemory describes the process of transgenerational transmission of traumatic ex peri-
ences and memories, as well as its ambiguous structure. It oscillates between knowledge and the
lack of knowledge, it is fragmentary and is characterized by instability, rupture, epistemological
gaps and belatedness“ (Anastasiadis 2012, 7). Das Konzept ist auf die Arbeiten der rumänisch-
US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch zurückzuführen. Auf den Arti-
kel von Anastasiadis wird verwiesen, da er die verschiedenen Entwicklungsphasen des Begriffs
(inklusive seiner Kritik) resümiert und mit anderen Theoremen kombiniert (z.B. der Traumathe-
orie von Caruth und dem phantom-Konzept von Abraham). Dergestalt formuliert er eine breite,
literaturspezifische Interpretation der „transgenerationellen Übertragung des Traumas“.
14 „The phantom is, therefore, also a metapsychological fact. Consequently, what haunts are
not the dead, but the gaps left within us by the secrets of others“ (Abraham 1994, 171).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher