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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative
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[stellte fest, dass das Trauma, das sie seit der Pubertät in sich trug, nicht geheilt war,
sondern plötzlich bei jeder Gelegenheit wie ein schlafender Vulkan aufbrauste, wenn über
die Vergangenheit gesprochen wurde oder bloß wenn sich die Gelegenheit dazu bot, ihre
stumme Wut an die Oberfläche bringend.]
Zielscheibe ihrer Wut wird der allen bekannte und ein luxuriöses und ausschwei-
fendes Leben führende Drogenhändler Evryviadis, der seinen Sitz auf der Insel
hat und den die Polizei, aufgrund mangelnder Beweise, nicht stellen kann. Nach
dem Tod zweier Jugendlicher an einer Überdosis ist die Öffentlichkeit schockiert
und der Ansicht, dass das ‚Übel‘ seinen Höhepunkt erreicht habe und dass es so
nicht weitergehen könne. Myrsini fasst den Entschluss, den Verantwortlichen zu
ermorden, um der Straflosigkeit ein Ende zu setzen und Gerechtigkeit herzustel-
len. Dabei findet die seit Jahren verdrängte, in ihrer Psyche aufgestaute negative
Energie ein Ventil und somit auch ihr Leben einen Sinn. Jemand kommt ihr aber
zuvor und vergiftet den Drogenhändler und seinen Kumpanen. Die Ermittlungen
der Polizei bleiben ergebnislos. Auf den letzten Seiten des Romans beichtet der
im Sterben liegende Michalis Myrsini, dass er die Morde begangen hat. Ob die
Tat auf seinen (besonders ausgeprägten) Gerechtigkeitssinn zurückzuführen ist
oder ob er dadurch nur seine Adoptivtochter – hinter deren heimlichen Plan er
gekommen war – beschützen wollte, bleibt offen.
Der Roman, der, wie alle Werke von Themelis, den Leser*innen „ιστορική,
πολιτική και πολιτισμική αυτογνωσία“ [historische, politische und kulturelle
Selbsterkenntnis] (Maronitis 2012) bietet, wirft eine ganze Reihe von Fragen auf.
Da ist die Frage nach der Alternative zwischen weltlicher, legaler oder göttlicher,
sich auf das ungeschriebene, ethische Gesetz stützende Justiz – eine Problema-
tik, die auch durch den häufigen Verweis auf Sophokles’ Antigone, der Lieblings-
tragödie von Myrsini, unterfüttert wird. Da ist auch die Frage nach dem um die
Nächstenliebe zentrierten christlichen Glauben, in dem aber, laut Michalis, der
Sinn für Gerechtigkeit und Bestrafung des Bösen zu kurz komme (T, 241–242).
Und da ist schließlich die Frage nach den Grenzen der Selbstjustiz in einer west-
lichen Demokratie.
Die meisten dieser Fragen sind für verschiedene Aspekte der Opferthema-
tik relevant, ich will jedoch auf die Bedeutung des Bürgerkriegs in der fiktional
gestalteten Gegenwart fokussieren. In einem Text wie dem eben analysierten, der
als ein historischer Roman anhebt, um als zeitgenössischer Kriminalroman zu
enden (Glistras 2011) und somit eine Genreverschiebung durchläuft, ist auch der
Inhalt einem essentiellen Wandel unterworfen. Die Opfer-Täter-Konstellation der
Vergangenheit, die parteipolitisch konnotiert war, kann in der Gegenwart nicht
aufrechterhalten werden. Es gibt natürlich auch in der Gegenwart Menschen, die
anderen Schaden zufügen, allerdings wird diese Unterscheidung gegenwärtig
von der ideologischen Lagerzugehörigkeit gelöst. Potenzielles Opfer kann jeder
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher