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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Die Überwindung traditioneller Opfernarrative    317 [stellte fest, dass das Trauma, das sie seit der Pubertät in sich trug, nicht geheilt war, sondern plötzlich bei jeder Gelegenheit wie ein schlafender Vulkan aufbrauste, wenn über die Vergangenheit gesprochen wurde oder bloß wenn sich die Gelegenheit dazu bot, ihre stumme Wut an die Oberfläche bringend.] Zielscheibe ihrer Wut wird der allen bekannte und ein luxuriöses und ausschwei- fendes Leben führende Drogenhändler Evryviadis, der seinen Sitz auf der Insel hat und den die Polizei, aufgrund mangelnder Beweise, nicht stellen kann. Nach dem Tod zweier Jugendlicher an einer Überdosis ist die Öffentlichkeit schockiert und der Ansicht, dass das ‚Übel‘ seinen Höhepunkt erreicht habe und dass es so nicht weitergehen könne. Myrsini fasst den Entschluss, den Verantwortlichen zu ermorden, um der Straflosigkeit ein Ende zu setzen und Gerechtigkeit herzustel- len. Dabei findet die seit Jahren verdrängte, in ihrer Psyche aufgestaute negative Energie ein Ventil und somit auch ihr Leben einen Sinn. Jemand kommt ihr aber zuvor und vergiftet den Drogenhändler und seinen Kumpanen. Die Ermittlungen der Polizei bleiben ergebnislos. Auf den letzten Seiten des Romans beichtet der im Sterben liegende Michalis Myrsini, dass er die Morde begangen hat. Ob die Tat auf seinen (besonders ausgeprägten) Gerechtigkeitssinn zurückzuführen ist oder ob er dadurch nur seine Adoptivtochter – hinter deren heimlichen Plan er gekommen war – beschützen wollte, bleibt offen. Der Roman, der, wie alle Werke von Themelis, den Leser*innen „ιστορική, πολιτική και πολιτισμική αυτογνωσία“ [historische, politische und kulturelle Selbsterkenntnis] (Maronitis 2012) bietet, wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Da ist die Frage nach der Alternative zwischen weltlicher, legaler oder göttlicher, sich auf das ungeschriebene, ethische Gesetz stützende Justiz – eine Problema- tik, die auch durch den häufigen Verweis auf Sophokles’ Antigone, der Lieblings- tragödie von Myrsini, unterfüttert wird. Da ist auch die Frage nach dem um die Nächstenliebe zentrierten christlichen Glauben, in dem aber, laut Michalis, der Sinn für Gerechtigkeit und Bestrafung des Bösen zu kurz komme (T, 241–242). Und da ist schließlich die Frage nach den Grenzen der Selbstjustiz in einer west- lichen Demokratie. Die meisten dieser Fragen sind für verschiedene Aspekte der Opferthema- tik relevant, ich will jedoch auf die Bedeutung des Bürgerkriegs in der fiktional gestalteten Gegenwart fokussieren. In einem Text wie dem eben analysierten, der als ein historischer Roman anhebt, um als zeitgenössischer Kriminalroman zu enden (Glistras 2011) und somit eine Genreverschiebung durchläuft, ist auch der Inhalt einem essentiellen Wandel unterworfen. Die Opfer-Täter-Konstellation der Vergangenheit, die parteipolitisch konnotiert war, kann in der Gegenwart nicht aufrechterhalten werden. Es gibt natürlich auch in der Gegenwart Menschen, die anderen Schaden zufügen, allerdings wird diese Unterscheidung gegenwärtig von der ideologischen Lagerzugehörigkeit gelöst. Potenzielles Opfer kann jeder
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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