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V e e t h o v e n. 227
Übel zu äußern, welches die betrübtesten Folgen ahnen ließ, das feine
Gehör, wodurch sich B. nähmlich in seiner Jugend auszeichnete, ver-
minderte sich allmählig, und alle Versuche, die Quelle dieses Übels auf-
zufinden und seine Fortschritte zu hemmen, blieben vergebens. Wahr-
scheinlich lag der Grund in der außerordentlichen Reizbarkeit seiner Hör-
werkzeuge. Endlich trat leider völlige Taubheit ein, die fast jede
Unterhaltung mit ihm, ausgenommen durch Schreiben, unmöglich
machte, indem ihn die durch den Trichter nicht genügte und Schmerzen
verursachte. Eine außerordentliche Erscheinung, wie sein Genius über-
haupt, war seine ungeschwächte Schöpfungskraft bey diesem Zustande.
Nun zog sich B. auch aus allen größeren Gesellschaften zurück, und hielt
nur noch Umgang mit solchen Freunden, an die er so gewohnt war, daß
er ihnen fast das Meiste am Munde absehen konnte. Die schöne Iahrs-
zeit brachte er gewöhnlich auf dem Lande, und zwar in Mö d l ing zu. Da-
bey beschäftigte er sich mir dem Studium der Geschichte und mit gewähl-
ter Lecture; Shakspeare war sein Lieblingsschriftsteller, Beweises
genug, daß es ihm nicht an Bildung fehlte, wie es einige, den Sinn
dieses Wortes vielleicht für zierlichen Modeton und Zavoir vivi-6 in ele-
ganter Hinsicht nehmend, gerne Wort haben wollten. Nachdem sich B.
schon durch mehrere Jahre gänzlich der Öffentlichkeit entzogen hatte,
jedoch kund geworden war, daß er verschiedene größere Werke componirt
habe, ergingen mehrere öffentliche Aufforderungen zur Veröffentli-
chung derselben an ihn, in deren Folge B. 1825 unter eigener Di-
rection zwey große musikalische Productionen seiner neuesten Schöpfun-
gen (nahmentlich seiner letzten genialen Symphonie in I) mall, wo er
die gewaltigen Massen des Instrumental-Orchesters im Schlußsatze mit
der Macht der Singstimmen verband, und einer großen Messe), die erste
im Kärnthnerthor-Theater, die zweyte im großen Redoutensaale veran-
staltete und dabey mit wohlverdientem, jubelnden Enthusiasmus aufge-
nommen wurde. Es war dieses leider sein letztes öffentliches Auftreten.
Obschon B.s Gesundheit in seinen früheren Jahren sehr fest war, so
wurde sie doch später durch manches Herzensleid, vielleicht auch, daß die
heftig lodernde Flamme seines Genie's seine körperliche Kraft zerstörte/
wankend gemacht. Bereits im Spätjahre 1326 wurde ihm ärztliche Hülfe
nothwendig, die ihm jedoch nur Linderung/ nicht aber Hebung des
Übels verschaffen konn^. Endlich ging die Krankheit in Wassersucht über,
die ihm unaussprechliche Schmerzen verursachte; B. ertrug sie indessen
mit vieler Fassung, und fühlte sich durch die allgemeine Theilnahme ge-
tröstet. Eine Gesellschaft in England bewies bey dieser Gelegenheit die
uneigennützigste Großmuth, indem sie ihm eine bedeutende Summe zu
seiner bessern Verpflegung übersandte, und dem auszahlenden Wiener-
Hause auftrug, im Nothfalle noch mehr auf ihre Rechnung zu gebem
Mochte nun B. diese Unterstützung nöthig haben oder nicht, wie es ihm
denn auch wirklich in Wien an keinerPfiege mangelte, so zeigte sich doch
der Kosmopolitismus dieser Engländer dadurch im schönsten Lichte/ und
wäre häufigerer Nachahmung werth, indem der große Künstler nicht ei-
nem Orte, sondern der ganzen Welt angehört. B. blickte seinem Tode
mit vieler Ergebung entgeqen; in seinen letzten Tagen wurden zwar dis
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Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe A-D, Volume 1
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe A-D
- Volume
- 1
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 788
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie