Page - 579 - in Österreichische National-Enzyklopädie - Buchstabe E-H, Volume 2
Image of the Page - 579 -
Text of the Page - 579 -
» e y l n g. 579
zu W i en zur Folge, aus welcher er jedoch bald befreyt wurde. Nun
nahm er zu Prag mit ganzer Seele Theil an dem kühnen Reformac
tionsversuche seines Freundes Huß, den er an wissenschaftlicher Bildung^
und Beredsamkeit noch übertraf, ihm aber an Besonnenheit und Mäsii-"
gung nachstand. So verbrannte H. z. B. 14l1 öffentlich die päpstlichen
Ablaßbriefe. Kaum war Husi nach Constanz geladen und dort verhaft
tet worden, so verwendete sichH. um sicheres Geleit beydem Concilium,
um zu dessen Vertheidigung zu eilen. Doch noch ehe er dieses erlangen
konnte, wurde H. auf der Reise nach Prag durch den Herzog von
Sulzbach in Hirsau festgehalten und ebenfalls gefangen nach Con<
stanz gebracht. Hier erfuhr er bald im Kerker das traurige Ende seines
Freundes, und ließ sich endlich, nachdem ihn eine halbjährige Gefangen«
schaft abgemattet hatte, den 11. Sept. 1415 zum Widerruf der ihm
angeschuldigten Ketzereyen bewegen. Da indessen sein Schicksal dadurch
um nichts gebessert wurde, und er ein Jahr lang im finstersten Kerler
geschmachtet hatte, nahm er den 26. May 1416 seinen Widerruf feyer«
lich mit dem Bekenntniß zurück, daß ihn keine seiner Sünden mehr be-
trübe, als der Verrath an der Sache seines Freundes. Nun wuvde auch
H. zum Tode verurtheilt und am 30. May dess. I. auf Befehl der Kir-
chenversammlung als Ketzer verbrannt. Mit vieler Standhaftigkeit ging
H. zum Tode, und gab unter lautem Gebethe seinen G?ist auf. Sein
Andenken glaubte man dadurch auf immer zu vertilgen, indem man seine
Asche in den Rhein streute.
Hietzing (Maria-Hietzing), ein niederösterr. Dorf im V. U.
W. W., am Schönbrunner Garten, unstreitig eines der schönsten Dör-
fer Deutschlands. Es zählt 16t), meistens sehr elegant, mitunter pracht-
voll gebaute Häuser und 1,100 Einwohner. Diese Zahl ist jedoch Som-
merszeit viel größer, da viele Bewohner der Residenz hier Hauser oder
Sommerwohnungen haben. Die Kirche, unansehnlich und geschmacklos
im Style des 17. Jahrhunderts erbaut , bewahrt ein sehr verehrtes
Marienbild, zu dem häufig gewallfahrtet und von dessen Entstehung
manche wunderbare Legende erzahlt wird. Das Innere der Kirche biethet
manche interessante Gegenstände der Betrachtung dar, worunter 2 Grab«
denkmayle von schönem Marmor. Die Schatzkammer enthält einige präch-
tige Ornate, eine kostbare Monstranz« und die Trauringe Kaiser Jo-
se p h's I I . und seiner zweyten Gemahlinn, Iosepha von Bayern. Das
Silbergeräth und einige andere Kostbarkeiten, an welchen einst die Schatz-
kammer sehr reich war, wurde in dem Dränge der Zeitverhältnisse als
Opfer für die Staatsbedürfnisse dargebracht. Besonders merkwürdig ist
der Leichenhof von H., der unter vielen schönen Monumenten auch jenes
des treuen Clery mit der Inschrift: (Ü-M Ie ssdele (!Iei-^, der-
iner Zerviteur de I^ouis XVI . , dann jenes der Hofschauspielerinn
Sophie Mül ler enthält. Die Verbindung H.'s mit der Hauptstadt
ist auf mancherley Weise immer unterhalten. Hier bildeten sich zuerst
die jetzt so beliebten Gesellschaftswägen, deren nunmehr eine bedeu-
tende Anzahl Tagüber unterwegs sind, die Zeiselwägen, welche eben-
falls von Wien bis H. ihre größte Frequenz haben, ungerechnet. An
schönen Sonntagen im Sommer wimmelt es hier von Besuchern aus der
37 *
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe E-H, Volume 2
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe E-H
- Volume
- 2
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 696
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie