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vollständige Religionsfreyheit. Unter den Nachfolgern Po^diebrad's
genossen die Calixtiner ziemliche Religionsfreyheit, bis 1612, wo sie
unter Kaiser Mathias beschränkt wurden. Während und nach dem
30jährigen Kriege verschmolzen sie mit den böhm. Brüdern, Reformir-
ten und Lutheranern.
Huß, Job./ den 6. Iuly 1373 zu Hussinetz in Böhmen von
armen und geringen Ältern, geboren, die ihm, als er die Universität
Prag bezog, keine Unterstützung geben konnten, weßwegen er eine Famu»
latur bey einem Professor annehmen mußie. Diese Stelle gab ihm gute
Gelegenheit, seine Kenntnisse zu erweitern und er benutzte sie auf dai
eifrigste. 1293 ward er Baccalaureus und 1396 Magister der freyen Kün-
ste. Er hatte sich große theolog. Kenntnisse und Fertigkeit im Reden er«
worden, und machtein seinen Predigten Gebrauch davon, daß er die
Fehler der Geistlichkeit freymüthig strafte. H. ward um 1400 Prediger an
der Bethlehemscapelle und Beichtvater der Gemahlinn des KönigsW en»
zel, Sophia von Bayern. Im folgenden Jahre ward er Decan der
theologischen Facultät und 1409 Rector der Universität. iEr hatte sich
durch seine Predigten schon den Haß der Geistlichkeit zugezogen, und ver>
größerte ihn nun dadurch, daß er die Nominalisten, eine Secte, wel-
cher besonders die Deutschen auf der Universität Prag ergeben waren,
drückte; und da er eö bey Hofe so weit brachte, daß ihnen 2 Stimmen
genommen und den Böhmen gegeben wurde», erbitterteer sie noch mehr.
Dieß war die Ursache, daß sie zu Tausenden Prag verließen, und zur
Stiftung der Universität Leipzig Veranlassung gaben. Ihr Haß gegen
H. begleitete sie nach Leipzig, und sie ließen ihn denselben auf dem
Costnitzer Concilium fühlen. Nach der Entfernung der Deutschen von
Prag lehrte H. mit seinen Böhmen noch freyer, und trug besonders di«
Irrlehren des Engländers Wiklef vor. Der Erzbischof von Prag wider»
setzte sich ihm, ließ ihn vor sich citiren und Wiklef's Schriften ver<
brennen. Der Papst Johannes XXII I . mißbilligte zwar dieses Ver-
fahren des Erzbischofs, warf aber doch einen Verdacht auf H. und berief
ihn zur-Verantwortung nach Rom. Es wurde vermittelt, daß er nicht
dahin durfte, und H. fuhr fort, in Predigten und Schriften seine und
Wiklef's Lehren auszubreiten, bis zum Concilium zu Costuitz,
das sich 14l4 versammelte. Kaiser Sieg mund, der diese Kirchen»
Versammlung veranstaltete, gab ihm einen Sicherheitsbrief mit. Allein
der Papst und die Cardinäle ließen sich von H.'s Feinde» verleiten, den
Sicherheitsbrief nicht zuachteu u»d den Kaiser zu bereden, sich diesesBe«
nehmen gefallen zu lassen. H. wurde also, da er alles Zuredens des
Kaisers und der Prälaten ungeachtet, nicht widerrufen wollte, gefangen
gesetzt und zum Scheiterhaufen verdammt. Der (i. Iuly 1415 war der
Tag, an welchem dieses Urtheil vollzogen wurde. Noch auf dem Schei-
terhaufen wurde er vom Churfürsten von der Pfalz ermähnt, gebethen
und beschworen, zu widerrufen, aber vergebens. Der Scheiterhaufen
wurde angebrannt, und eine Wolke von Rauch und Dampf erstickte ihn
im Augenblick. H. war selbst nach dem Geständnisse seiner Feinde ein
Mann, der fast alle seine Zeitgenosse» in der Gelehrsamkeit übertraf. Er
verstand Griechisch und Hebräisch, besaß eine große Beredtsamkeit, und
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Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe E-H, Volume 2
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe E-H
- Volume
- 2
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 696
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie