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474 Lobkowiy von Hassenstein, Bohuslaw.
Nechtskenntniß wegen wurde er mit noch andern Herren und Rittern,
welche für die Einsichtsvollsten und in den Rechten des Landes als die
Erfahrensten galten, nach Carlstein geschickt, wo sie ein Verzeichnis;
aller vorhandenen Urkunden aufzunehmen hatten. Diese Arbeit dauerte
10 Jahre hindurch, und nahm jährlich einen guten Theil der Zeit L.'s
in Anspruch. 1501 wurde dieses Verzeichniß, welches das Reglstrum
desatj truhlic priwilegiami zemssuni (Register der 10 Kisten mit Lan-
desprivilegien) hieß, dem Könige und den Ständen übergeben. Bal-
bin versichert, daß dieser Codex höher als Gold geschätzt wurde. 1490
schiffte sich L. in Venedig ein, besuchte die jonischen Inseln, Can-
dia, Cypern und Rhodus, fuhr durch die Dardanellen und s.ch den
Halbmond auf Constantinopel's hochragenden Thürmen, auf wel-
chen vor 3 Jahrzehnten noch das Symbol des Christenthums prangte.
Von da besuchte er Kleinasien, den Boden Tro j a's, Smyrna , die
Ruinen des Tempels von Ephesus, durchzog Cilicien, Pamphilien,
Syrien und Arabien, und es scheint gewiß, daß er auch an der Wiege
und am Grabe des Erlösers bethete. Selbst bis Indien wollte er seine
Wanderungen fortsetzen, wenn ihm nicht erfahrene Kaufherren durch leb-
hafte Vorstellung der Schwierigkeiten und Gefahren einer solchen Reise
davon abgerathen hätten. Er sah hierauf das Wunderland Ägypten mit
seinen Pyramiden und Katarakten, Cai ro , Alexandrien, die Rui-
nen von Carthago und Tunis. Den adriatischen Meerbusen durch-
segelnd, landete er (1492) wieder in Venedig. Unter einer Anzahl
seltener und kostbarer Sachen, welche L. von seinen Reisen mitbrachte,
befand sich ein Manuscript von P la to , das er um 1000 (nach andern
sogar um 2000) Goldstücke oder Mailänder Ducaten erkauft hatte, wel-
ches sich noch gegenwärtig in der Bibliothek zu Raudnitz, dem Haupt-
orte des Herzogthums gleichen Nahmens, befindet und für das schönste
und wohlerhaltenste, so auf unsere Zeiten gekommen ist, gehalten wird.
Seine Leidenschaft für Bücher gab sich in ihrer ganzen Stärke in den
Anstrengungen kund, welche er machte, um sich einen Su idas, einen
Ptolomäus oder einen Plutarch zu verschaffen, und in den Vor-
würfen, welche er öfters seinem Freunde, dem Eichstädter Domherrn
Bernhard Adelmann, machte, daß er im Ankaufe vom Büchern für
seine Rechnung das Geld zu sehr spare. Als ihm König Wladislaw
mit den Schriften des Georg von Trapezunt wider P la to und an»
dern Werken der königlichen Bibliothek des Math ias Corvinus,
deren Überbleibsel sich in Ofen befanden, ein Geschenk machte, welches
ihn hoch beglückte, besang er seine hohe Gabe, zu schenken. So entstand
in Hassen st ein eine Büchersammlung, bestehend aus den seltensten
Werken, und damahls die ansehnlichste in ganz Deutschland, mit wel-
cher nur die der Barone von Hasen bürg verglichen werden konnte.
So befanden sich die zwey wichtigsten Bibliotheken im ganzen Umfange
des deutschen Reichs in jener Zeit in Böhmen, beyde von böhmischen
Baronen angelegt, welche in dem Aufwands für Aufblühen der Gelehr-
samkeit mit Fürsten wetteiferten. L. wollte, daß seine Bibliothek stets
nur auf den Gelehrtesten seines Geschlechtes vererben sollte, und be-
stimmte sie zum Gebrauche aller Freunde der Wissenschaften, selbst des
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe I-M, Volume 3
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe I-M
- Volume
- 3
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 768
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie