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568 M a r i a - Z e l l.
das Stadthaus und die große Caserne. Hier besteht ein katholisches
Gymnasium mit einer Hauptschule und nebst mehreren andern Cameral.
amtern auch ein Postamt. Die Einwohner beschäftigen sich mit Leinwe-
berey , Färberey und andern Gewerben, auch treiben sie starken Han-
del mit Pferden, Hornvieh, Schafen, rohen Häuten und Wolle. Die
Stadt besitzt als eigenthümliches Gut ein sehr großes Territorium, wel«
ches jedoch nur 3 Dörfer, 10 Prädien nebst vielen Szälläsen oder Feld-
wohnungen enthalt und großtentheils aus einer sandigen Fläche besteht.
, Mar ia-Ze l l / Marktflecken in Obersteyermark, der berühmteste
Wallfahrtsort in den österr. Staaten, liegt imBrucker Kreise eineStun,
de von der o'sterr. Gränze entfernt, auf dem grünen abgeplatteten Hü»
gel (Sandbühel genannt) eines weiten Gebirgsthales, im Bezirke de'
Staatsherrschaft M. - Z. , welche hier verwaltet wird und wohin dec
Markt auch dienstbar und zehentpflichtig ist. Gegenwärtig besieht d/r
Ort aus 3 Gassen, einem Platze, 120 Häusern, worunter allein 44
Wirthshäuser und enthält bey 900 Einw., die sich von den verschieder-
sten Gewerben nähren. Das ansehnlichste Gebäude ist die im gothischen
Style erbaute, weit berühmte Wallfahrtskirche, deren Länge 201, die
Breite 67 und die Höhe 99 Fuß beträgt. 1157 ließ sich hier der elsie
Priester aus dem Stifte S t . Lamb recht, unter dsssen Patronate die
Kirche noch heut zu Tage steht, nieder, um den Bewohnern der hesi-
gen Gegend wegen der zu großen Entfernung von dem Pfarrorte Af-
lenz die Sacramente zu reichen und den Gottesdienst zu halten. Er
brachte das Marienbild, eine aus Lindenholz geschnitzte Statue, die
Muttergottes mit dem Kinde vorstellend, chieher und stellte sie zur Ver-
ehrung auf. Die steinerne Gnadencapelle wurde vom Markgrafen H<ir»
rich und dessen Gemahlinn zu Anfang des 13.Jahrh, erbaut. Um1270ab,r
baute König LudwigI , von Ungarn, aus dem Hause A n j o u, den Vo -
dertheilder großen Kirche bis hinter die Gnadencapelle, so wie auch d«n
mittleren Thurm. Er begabte die Kirche reichlich und schenkte ihr auch dls
Marienbild, welches früher sein Hausaltar war, ein sehr zierliches und fi i»
ßiges Gemälde der Madonna mit dem Kinde in reichen Gewandern, kr
Grund ganz mit goldenen Lilien bedeckt, wegen Ludwig's Abstammmg
vom französ. Königshause, und mit Gold und Edelsteinen reich geziert.
Dieses, wahrscheinlich von einem griechischen Künstler gemalte Bild.
wird in der Schatzkammer aufbewahrt. Außer dem Gnadenbilde, welche»
nun ein unbezweifeltes Alter von beynahe 700 Jahren erreicht hat mV
dem gemalten 500jährigen Schahkammerbilde, besitzt die Kirche noch eN
größeres, aus Holz geschnitztes Marienbild, welches an Kunstwerth de-
sen Beyden vorzuziehen ist. Es ist lebensgroß, steht frey auf einer Sälle
mitten in der Kirche und scheint eine Arbeit des 15. oder 16. Iahlhm-
dertes zu seyn. 1342 erhob Herzog Albrecht der Weise M.-Z.z"
einem Marktflecken. Fürsten und Große wetteiferten durch Iahrhm-
derte, die Kirche mit kostbaren Gaben zu beschenken/ und ihre Schlh-
kammer umschloß einen unermeßlichen Reichthum, der jedoch in ner-
ren Zeiten durch Unfälle mancher Art, worunter vorzüglich der gro
Brand von 1827 zu rechnen ist, betrachtlich vermindert wurde. Dl
Gnadenbild, zu welchem jährlich in den Sonnnermonathen wohl
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe I-M, Volume 3
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe I-M
- Volume
- 3
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 768
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie