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Maximilian I., röm.-deutscher Raiser. 605
schrieb er, zum Beweise seiner Bescheidenheit sowohl, als auch im Ge-
fühle seines eigenen Werthes und seiner Würde, die treffende Antwort
darunter:
„Ich bin ein Mann, wie ein and'rer Mann,
, Nur daß mir Gott die Ehre gann."
Kaiser M. war von ansehnlicher Größe, stark und schön gebaut, sein
Anstand wahrhaft kaiserlich, sein Gang fest und herrisch. Aus den bestän-
dig unruhigen blauen Augen blitzte ein liebliches Feuer, doch fürchterlich
stammend im aufgereizten Zorn. Die um Brust und Nacken fiatternden
Haarewaren von dem schönsten Goldgelb, wurden aber frühzeitig weiß. In
der Farbe seines Gesichtes hatte sich mit den Rosen der Jugend, braunliche,
männliche Kraftfülle gepaart. Seine Adlernase bildete mit der, über
den Bogen der Augenbrauen stark ausgewölbten Stirne, dem unge-
mein angenehmen Mund und sanft vovgebogenen Kinn, den vollendet-
sten Ausdruck von Würde und Kraft. Eines der gelungensten Bildnisse
dieses Kaisers ist jenes von Albr. Dü re r in der kais. Gemaldegallerie in
Wien befindlich. Er )var von sanguinischem Temperamente, glühen-
dem Blute, überaus reizbar, in der ersten Aufwallung sehr stürmisch,
aber von der ihm innewohnenden Güte sogleich wieder besänftigt. Auch ohne
Zweck gönnte er sich keinen Augenblick Ruhe, die Tafel verstoß meist unter
wichtigen und folgenreichen Gesprächen. Er dachte unaufhörlich, schrieb
aber wenig mit eigener Hand, sondern dictirte, wie erwähnt, meistens,
ein untrügliches Kennzeichen eines ungeduldigen Geistes. Sein Wahl-
spruch war: Per lot discrimina. Durch seine edlen, ehrfurchtgebiethen-
den Eigenschaften genoß er so ausgezeichneter Achtung von Freunden und
Feinden, daß selbst König Ludwig X I . von Frankreich, einer seiner
heftigsten Widersacher, es nicht duldete, wenn ein geschmeidiger Höfling
verächtlich von M. sprechen wollte. Einst sagte er zu einem derselben,
welcher M. den Bürgermeister von Aug sb u rg nannte: „Sprich nicht
so schimpflich von Max; glaube mir, wenn dieser Bürgermeister die
Glocke ziehen läßt, so ist ganz Deutschland im Harnisch und Frankreich
zittert."—Deutschland und insbesondere Osterreich hat diesem großen Kai-
ser Vieles zu verdanken. Er ist der eigentliche Stifter der kaiserl. Biblio-
thek in Wien; von ihm sind die ersten vollständigeren Polizeyordnun-
gen, die ersten Dicasterien, die ersten Armenanstalten, er errichtete
den Reichshofrath für die wichtigsten Reichs- und Rechtssachen, dann
Regiment und Kammer zu Wien , Gratz und I n n sbru ck. Für die
Verbindung der Länder, zur schnellen und sicheren Beförderung seiner
Befehle und interessanter Nachrichten, errichtete er, zuerst in den Nie-
derlanden, die Posten. Sein letztes Werk war die Einführung einer all-
gemeinen Landesbewaffnung, einer imposanten Infanterie-Reserve,
Aufstand in Masse (auf den Glockenstretch in der Noth). M. war
Selbstherrscher im eigentlichen edleren Sinne dieses Wortes. Unverkenn-
bar ward in seinem Zeitalter der Grund zu dem politischen Gleichgewichte
der österr. Monarchie im europäischen Staatensysteme gelegt. Die Leb-
haftigkeit seines Geistes, seine Gewandtheit in den Unterhandlungen
zum Nutzen seines Hauses, und glückliche Verhältnisse, wohin beson-
ders das Aussterben der Seitenlinien in Osterreich selbst und die große
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe I-M, Volume 3
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe I-M
- Volume
- 3
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 768
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie