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M a n n h e i m e r . 645
mation 1817 bewährte er sein Talent als Kanzelredner, und seine er-
sten Versuche in diesem Fache wurden mit außerordentlichem Beyfall
aufgenommen. In Folge dessen wurden eigene Andachtsübungen einge-
richtet, die, so lang sie bestanden, mit vieler Theilnahme besucht wur«
den und eine Reform der gottesdienstlichen Einrichtungen vorbereiten
sollten. 1821 besuchte er zuerst Deutschland, und predigte in mehreren
israelit. Gemeinden, nahmentlich in Ber l in , W ien und Leipz ig ,
mit gleichem ungetheilten Beyfall. Den mannigfachen Aufforderungen in
Deutschland, eine Anstellung anzunehmen, widerstand er aus Liebe zu
seinem Vaterlande und reiner Anhänglichkeit an seinen Beruf. I n -
dessen überzeugte er sich bey seiner Rückkehr in seine Vaterstadt, daß die
dort beabsichtigte Erneuerung der gottesdienstlichen Einrichtungen im
Geiste der Zeit und der vorgeschrittenen Bildung schwer durchzuführen
sey, und dem entschiedensten Widersprüche von der einen Seite, dem
Mangel an äußern Mitteln von der andern Seite unterliege, und ent-
schied sich nun mit widerstrebendem Herzen, in Deutschland, wo diese Be-
strebungen schon weiter gediehen waren, den angebothenen Wirkungskreis
nicht langer zu verschmähen. Er kam bey seinem Könige um die Entlas-
sung ein, die ihm mit der beygefolgten Erklärung, daß er zur Zufrie-
dccheit der höchsten BeHorde mit Fleiß und Oeschicklichkeit sein Amr ver-
waltet habe, ertheilt ward. So kam er 1323 als Prediger nach Ber-
lin. Als der dort bestehende neue Tempel geschlossen ward, predigte er
in der großen Synagoge mit immer steigendem Interesse und immer
wachsendem Zudrange, bis auch hier die deutschen Reden als eine
Neuerung in Folge einer königl. Cabinetsordre untersagt wurden. So
waren nun alle seine langgenährten Hoffnungen und Wünsche mit einem
Schlage zerstört und vernichtet. Da erging unmittelbar, nachdem er
Ber l in verlassen hatte, von Wien aus der Ruf an ihn, als Reli-
gionslehrer an der dortigen Religionsschule und zugleich als Prediger in
dem dort errichteten neuen Bethhause, die Leitung der Gemeinde zu
übernehmen. Hier fand er einen Wirkungskreis, wie er ihn in seinen
schönsten Tagen sich gedacht hatte; organisine 1826 den Gottesdienst
daselbst, und wirkte auf die sogenannten Anstalten und öffentlichen An-
gelegenheiten der Gemeinds so vortheilhaft ein, daß ihm von allen Sei-
ten die Zustimmung und Anerkennung zu Theil ward. Im Einverständ-
nisse mit den Vorstanden der Gemeinde, und durch die Mitwirkung der-
selben, wie durch die Bereitwilligkeit der gesammten Gemeindeglieder,
die kein Opfer scheuten, gelang es ihm, die gesammten Anstalten der Ge-
meinde zu heben, und ihnen eine würdigere Gestaltung und eine segens-
reichere Wirksamkeit zu sichern. Das Resultat dieser gemeinsamen Be-
strebungen, bey welchen sich nahmentlich M. L. Biedermann und
I. L. Hofmann als die eifrigsten und thatigsten Beförderer des Gu-
ten und Edlen ein unvergangliches Verdienst um ihre Glaubensgenossen er-
warben, war eine vollkommene Reorganisation der dortigen Religions-
schule, Wiederherstellung eines geregelten feyerlichen und erbaulichen
Gottesdienstes, der in so mancher Beziehung an den alten Zionstempel
erinnert; eine gleichmaßige Feyerlichkeit der gesammten religiösen Hand-
lungen, als Trauungen^ Leichenbestattungen und Einsegnungen; Wie»
Oesterr.Nat.Yncyll.Vd. VI. 25
Österreichische National-Enzyklopädie
Buchstabe W-Z, Volume 6
- Title
- Österreichische National-Enzyklopädie
- Subtitle
- Buchstabe W-Z
- Volume
- 6
- Authors
- Franz Gräffer
- Johann Czikann
- Publisher
- H. Strauß
- Location
- Wien
- Date
- 1835
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.3 x 22.0 cm
- Pages
- 668
- Keywords
- Nachschlagewerk, Biografien
- Categories
- Lexika National-Enzyklopädie