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104 K. Hauer
Bewertung der Ergebnisse: Match bzw. Mismatch von Nutzerressourcen und tech-
nischen Anforderungen
Die Bewertung, ob technische Hilfssysteme in Passung auf die potenzielle Nutzer-
gruppe hin erfolgreich entwickelt werden, hat neben technischen Bewertungskriterien
eine besondere ethische Komponente. Ist eine solche Passung nicht oder unzureichend
erreicht, so ist das System nicht nur nicht einsatzfähig bzw. nutzbar, ein Einsatz hätte
sogar potenzielle negative Konsequenzen, die neben einer akuten Gefährdung auch
psychosoziale Aspekte betreffen wie Selbstachtung/-bewertung und Scham oder
externe negative Bewertungen und Stigmatisierung. In der großen potenziellen Nutzer-
gruppe für AAL-Unterstützungssysteme stellen Menschen mit Demenz eine besonders
vulnerable Gruppe dar, die in dieser Hinsicht besonders gefährdet erscheint, zugleich
aber besonders wenig ihre Interessen vertreten und sich artikulieren kann. In der Ent-
wicklung von AAL-Systemen ist die Nutzerperspektive bislang noch deutlich unter-, die
technisch-ingenieurwissenschaftliche Perspektive deutlich überrepräsentiert. Von über-
ragender Bedeutung ist eine Anpassung und Gleichberechtigung beider Anforderungen
(wenn nicht sogar Priorisierung der Nutzerinteressen). Ein erster Schritt ist daher die
optimierte Passung beider Entwicklungsperspektiven, bei der aber generalisierende Kri-
terien nur bedingt hilfreich sind. Voraussetzung einer spezifischen nutzerorientierten
Entwicklung sollte daher eine detaillierte, maßgeschneiderte Analyse von vorhandenen
Nutzerressourcen, technischen Anforderungen und deren Passung sein. Im Folgenden
sollen beide untersuchte Unterstützungssysteme im Hinblick auf spezifische Kriterien
bewertet werden, die für die potenzielle Nutzergruppe älterer Menschen, insbesondere
auch solcher mit kognitiver Einschränkung, relevant sind. Als Bewertungskriterien wur-
den kognitive, motorische und psychosoziale Aspekte ausgewählt, die für die Nutzung/
Bedienbarkeit der getesteten Systeme von besonderer Bedeutung sind (Tab. 5.6).
Zusammenfassung des Vergleichs Im Vergleich beider Unterstützungssysteme schnei-
det das Navigationssystem mit einer Abbrecherquote von <10 % und drastischen Ver-
besserungen in Verlaufsparametern wie Durchführungszeit gegenüber einer Erfolgsquote
von ca. 30 % in der audio-gesturalen Steuerung in der Evaluation deutlich besser ab.
Eine detaillierte Analyse des Anforderungslevels und der Passung auf die Nutzergruppe
ermöglicht eine spezifische Bewertung der Testergebnisse.
Navigationsszenario Die kognitiven Anforderungen an die Nutzung des Navigations-
systems sind als eher gering einzustufen. Die Navigationshilfe ist vielen Nutzern
zudem vom Autofahren bekannt, es liegen somit ggf. bereits Erfahrungen vor, die die
Handlungsplanung und Ausführung unterstützen. Die spezifischen Anforderungen
an Gedächtnisinhalte, die bei neurodegenerativen Schädigungen wie z. B. vom Alz-
heimer-Typus relativ früh im Krankheitsverlauf auftreten, sind gering. Sowohl für das
semantische Gedächtnis (Teil des expliziten Gedächtnisses, speichert Fakten und Wort-
bedeutungen, Anforderung im Szenario allenfalls im Speichern von einfachen Hand-
lungsanleitungen in der Instruktionsphase) als auch für das prozedurale Gedächtnis
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