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Bewertung von AAL-Ambient-Assisted-Living-Systemen …
sind vielen Nutzern nicht bekannt, es liegen somit keine Vorerfahrungen vor, auf die die
Nutzer ggf. zurückgreifen können. Alle aufgeführten spezifischen gedächtnisbasierten
Teilleistungen sind beteiligt. Sowohl für das semantische Gedächtnis (Anforderung
im Szenario im Speichern von zahlreichen, komplexen, neuen Handlungsanleitungen
in der Instruktionsphase) als auch für das prozedurale Gedächtnis (Anforderung
im Szenario für die neuen, dreidimensionalen Bewegungsmuster der Gesten) und für
das Arbeitsgedächtnis (Anforderung im Szenario bei der simultanen Ausführung von
gestenbasierten und auditiven Befehlen), aber auch bei gleichzeitiger Informations-
aufnahme (externe Hilfen wie Gestendarstellung, Poster) und Ausführung liegt das
Anforderungsniveau sehr hoch und findet kaum eine Entsprechung in Alltagsaktivitäten.
Andere kognitive Teilfunktionen wie Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen sind
im Szenario ebenfalls stark gefordert. Im Testszenario ist die Informationsmenge, die
in der Instruktion, insbesondere aber während des Betriebs, anfällt, komplex und rela-
tiv umfangreich, die Anforderung an die Testpersonen daher hoch. Die geteilte Aufmerk-
samkeit ist im Testszenario in den ersten drei Modi notwendig, da zur Unterstützung der
Erinnerung die zahlreichen und komplexen Befehle simultan extern von Testleitern dar-
gestellt werden; das Anforderungsniveau an die Dual-Task-Fähigkeit der Teilnehmer ist
daher hoch.
Das Anforderungsniveau an die motorisch-funktionelle Leistung ist für das Studien-
kollektiv, vergleichbar dem Navigationsszenario, als eher gering einzustufen. Als moto-
rische Funktion werden im Wesentlichen Arm-/Handbewegungen im Sitzen beim
gestenbasierten Modus gefordert, die allenfalls vereinzelt bei bestimmten Gesten bei
individuell eingeschränkter Schulterbeweglichkeit limitiert sein können. Sensorische
Leistungen sind notwendig beim Hören/Erkennen der akustischen und visuellen Instruk-
tionen. Das Anforderungsniveau in Bezug auf die Sensorik ist gering und entspricht, wie
bei den motorischen Leistungen, normalen Basisanforderungen im Alltag.
Das hohe Anforderungsniveau, z. T. auch die fehlenden Unterstützungsfunktionen
des MOBOT-Audio-Gesten-basierten Steuerungssystems hat potenziell negative Effekte
in Bezug auf psychosoziale Bewertungskriterien. Sowohl in der Gruppe der kognitiv
intakten wie auch in der Gruppe der kognitiv geschädigten Teilnehmer wird eine Über-
forderung der Teilnehmer deutlich erkennbar (Floor-Effekte). Die Wahrnehmungen der
eigenen unzureichenden Leistung und die geringe Effektivität der Steuerung der System-
funktion verringern potenziell die Selbstwirksamkeit und verstärken das Gefühl des
Kontrollverlustes. Obwohl die Nutzung des audio-gesturalen Steuerungssystems nicht
im öffentlichen Raum stattfindet, ist die durchgehende Überforderungssituation poten-
ziell mit einem erhöhten Risiko für Schamgefühle seitens der Nutzer wie auch externer
Stigmatisierung (ggf. seitens von pflegenden Angehörigen in einer habituellen Nut-
zung) verbunden. Die subjektive Bewertung dieses Szenarios wurde nicht standardisiert
erhoben. Individuelle Rückmeldungen oder Reaktionen der Studienteilnehmer (wie z. B.
ein kompletter Ausstieg aus der Testung) belegen jedoch die negative Bewertung des
audio-gesturalen Steuerungssystems in dieser Entwicklungsphase.
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