Page - 120 - in Pflegeroboter
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120 C. Gisinger
aber auch dadurch, dass in bestimmten Situationen Menschen um Hilfe ersucht wer-
den (Kruse 2010), beispielsweise durch die Bitte, einige Zentimeter weiter geschoben
zu werden. Im STRANDS-Projekt wurden diese Navigationsherausforderungen auch
durch die kontinuierliche Selbst-Adaptierung der Navigation und automatisiertes Ler-
nen aus vorherigen Situationen (Dondrup et al. 2015) bewältigt. Eine völlig neue
Schlüsselherausforderung stellte das Erkennen von Menschen in unmittelbarer Nähe
dar, insbesondere, wenn es sich um Rollstuhlfahrer handelte. Da die Programmierung
der Sicherheit in dieser Umgebung von Menschen mit hoher Vulnerabilität besonders
priorisiert worden ist, kam es nicht selten zum Ăśbergang in den Wartemodus bzw.
zu einer „stotternden“ Funktionalität. Unsere Beobachtungen des sich gegenseitig
beeinflussenden Roboter-Mensch-Bewegungsmusters erinnerte an das „tänzerische“
Ausweichen in Menschenmengen zur Kollisionsvermeidung, wie zum Beispiel in FuĂź-
gängerzonen (Gerling et al. 2016).
Im STRANDS-Projekt wurde der Roboter auch zur UnterstĂĽtzung der Ergo- und
Physiotherapie von Menschen mit Demenz eingesetzt. Generell zeigten die TherapeutIn-
nen eine positive Einstellung zum Einsatz eines Roboters, insbesondere hinsichtlich ver-
schiedener Unterhaltungsfunktionen, wie zum Beispiel der Animation von Menschen mit
fortgeschrittener Demenz, mitzusingen, mitzuklatschen und mitzutanzen (Hebesberger
et al. 2016a). Rund 60 % der DemenzpatientInnen versuchten, aktiv mit dem Roboter zu
interagieren, wobei sie meist dazu seitens der TherapeutInnen Unterstützung benötigten
(z. B. Bedienung des Touchscreens), obwohl das grafische Interface bewusst sehr simpel
gestaltet worden ist. Insbesondere zeigte sich, dass ältere Individuen auf Icons drückten,
ohne sie loszulassen, was die entsprechende Funktion nicht aktivieren konnte. Die bei
TherapeutInnen und Betroffenen beliebteste Funktion war die Demenz-Nordic-Walking-
Gruppe. Betroffene mit fortgeschrittener Demenz erhalten in unserer spezialisierten
Einrichtung verschiedene therapeutische Interventionen, darunter die Nordic-Walking-
Gruppe (innerhalb des Gebäudes durch die weitläufigen Foyers und Gänge) mit dem
Ziel, die Mobilität zu erhalten, Reize, Erlebnisse und Ablenkung anzubieten und ihnen
Interaktionen mit anderen zu ermöglichen. Im STRANDS-Projekt wurde der Roboter als
Schrittmacher eingesetzt, er fuhr der Gruppe voraus, spielte populäre Wanderlieder, die
zum Mitsingen animierten, rhythmisierte das Gangbild und sorgte fĂĽr Aufmerksamkeit
und Unterhaltung.
6.6 Diskussion
Die Frage ist nicht, ob, sondern wie genau und wann „intelligente“, „autonome“ tech-
nische Systeme bei der Unterstützung von Menschen mit erhöhtem Risiko von oder
bereits tatsächlich eingetretener Pflegebedürftigkeit eine wichtige Rolle spielen werden
(Gisinger et al. 2016). Die Vorstellung, dass ein dann als „Pflegeroboter“ bezeichnetes
System genau die Tätigkeit einer Pflegeperson abbildet, erscheint jedoch genauso naiv
wie die Vorstellung, dass im Haushalt statt einer GeschirrspĂĽlmaschine ein anthropo-
morpher Roboter mit zwei Händen in einem Spülbecken schmutziges Geschirr abwäscht.
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