Page - 142 - in Pflegeroboter
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142 C. Kehl
Transportroboter für Krankenhäuser, wurde Anfang der 1990er Jahre vorgestellt (Evans
1994); etwa zur selben Zeit entstand Handy 1, eine Esshilfe für zerebral Gelähmte
(Topping 2000). Mehr als 25 Jahre danach ist zu konstatieren, dass zwar die Entwicklungs-
bemühungen deutlich zugenommen haben – was sich in einer breiten Palette an unter-
schiedlichsten Prototypen widerspiegelt –, größere Markterfolge aber immer noch auf sich
warten lassen. Die wenigen Systeme, die den Weg in die Pflegepraxis gefunden haben,
werden meist nur in geringer Stückzahl vertrieben. Zu den bekanntesten gehört sicherlich
die Roboterrobbe Paro, die in Europa seit 2009 zugelassen ist und in Deutschland in rund
50 Pflegeheimen eingesetzt wird. Bemerkenswert ist, dass Paro ursprĂĽnglich als Spielzeug
entwickelt wurde und in Japan bei Privatpersonen offenbar auf fast größeres Interesse zu
stoßen scheint als bei Pflegeeinrichtungen (Shibata 2012). Ähnliches gilt für den Assistenz-
roboter Care-O-bot, der seit den 1990er Jahren vom Fraunhofer-Institut fĂĽr Produktions-
technik und Automatisierung (IPA) entwickelt wird. Das System wurde vor allem mit
Blick auf die Unterstützung häuslicher Pflegetätigkeiten entwickelt und diesbezüglich in
verschiedenen Anwendungsszenarien getestet (z. B. als Butler fĂĽr Hol- und Bringdienste,
als Kommunikationsplattform oder zur Sturzerkennung). Die vierte Generation des Haus-
haltsassistenten, die 2015 vorgestellt wurde, soll nun endlich „die Basis für kommerzielle
Serviceroboter-Lösungen“ bieten (Fraunhofer IPA 2015). Dabei steht jedoch weniger die
Pflege im Vordergrund, sondern der Einzelhandels- und Entertainmentbereich. So wird der
Roboter unter dem Namen Paul ohne Arme als „mobiler Informationskiosk“ etwa bereits
erfolgreich zur Kundenführung in Elektronikmärkten eingesetzt. Ob und wann Care-O-Bot
in der Pflege routinemäßig zum Einsatz kommen wird, ist derzeit völlig unklar.
Wie lässt sich diese auffällige Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag erklären?
Dass autonome Pflegeroboter in der Regel von einer hohen technischen Komplexi-
tät sind und die Entwicklungsprozesse entsprechend aufwendig, ist sicherlich richtig,
taugt jedoch als Antwort nur bedingt. SchlieĂźlich zeichnen sich gerade die am Markt
verfĂĽgbaren Pflegeroboter wie die Robbe Paro durch ein technisches Niveau aus, das
in etwa mit dem von Staubsaugerrobotern vergleichbar ist. Dass deren Verkaufszahlen
in den Millionen liegen, die von Paro jedoch bei weitem nicht, dĂĽrfte mithin kaum rein
technisch erklärbar sein, sondern vielmehr damit zu tun haben, dass mit Staubsauger-
robotern ein Nutzen geschaffen wird, den Pflegeroboter bislang verfehlt haben. Der
7. Altenbericht der Bundesregierung hält mit Blick auf technische Assistenzsysteme ent-
sprechend fest, dass es noch nicht gelungen sei, Angebote fĂĽr die Pflege zu entwickeln,
die von Kostenträgern und Endkunden ausreichend akzeptiert werden (Bundesregierung
2016, S. 253). Auch TA-Experten haben immer wieder auf diesen Umstand hingewiesen
und ihn u. a. dadurch erklärt, dass die bisherigen Innovationspfade allzu stark einem
technischen Imperativ verhaftet waren (Krings et al. 2012). Demzufolge waren es also
primär technologische Machbarkeitsvisionen, welche Forschung und Entwicklung
vorangetrieben haben, weniger jedoch die tatsächlichen Problem- und Bedürfnislagen
der relevanten Nutzergruppen. Das Resultat seien Artefakte, welche zwar technisch
durchaus gelungen sein mögen, jedoch die komplexen Anforderungen an Pflege nicht
angemessen erfüllen – angesichts der Herausforderungen, die der demografische Wandel
für die Pflege bereithält, eine durchaus ernüchternde Diagnose.
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