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Wege zu verantwortungsvoller Forschung und Entwicklung …
nicht nur im Einklang mit kollektiven Bedarfen, sondern auch gesellschaftlichen Werten
sind. Konsequenterweise weisen deshalb sowohl die EU-Kommission als auch das BMBF
in ihren jeweiligen Steuerungsansätzen der ethischen Bewertung eine zentrale Rolle im
Rahmen der vorausschauenden Gestaltung soziotechnischer Innovationsprozesse zu.
8.2.1 Ethische Bewertung von Pflegerobotern: Probleme und
Herausforderungen
„Technik und Innovation in den Rahmen eines expliziten Wertediskurses“ zu stel-
len (Bogner et al. 2015, S. 12), ist für den Bereich der Pflegerobotik zweifelsohne von
besonderer Bedeutung. Wie bei kaum einem anderen Bereich der Servicerobotik treten
hier ethische Dilemmata und Spannungen zutage (für einen Überblick vgl. Sharkey und
Sharkey 2012a): Auf der einen Seite steht die Pflege aufgrund des demografischen Wan-
dels bekanntlich vor gewaltigen Zukunftsherausforderungen. Durch die fortschreitende
Überalterung der Bevölkerung wird mit einer steigenden Zahl von Pflegebedürftigen
gerechnet, zugleich nimmt die Zahl der Erwerbstätigen ab, aus denen sich die Pflege-
kräfte rekrutieren. Der sich bereits heute manifestierende Fachkräftemangel im Bereich
der Pflege droht sich laut Prognosen bis 2030 auf Hunderttausende unbesetzter Stellen
auszuwachsen (Neuber-Pohl 2017), was auch den grundsätzlichen Bedarf an technischer
Unterstützung drastisch ansteigen lässt. Der Servicerobotik wird diesbezüglich großes
Potenzial zugeschrieben, da sie prinzipiell auch körperliche Tätigkeiten physisch assis-
tieren kann und damit für ein weites Aufgabenspektrum zur Verfügung steht. Ob und
inwiefern jedoch robotische Systeme zur Sicherstellung menschenwürdiger Pflege tau-
gen, ist auf der anderen Seite hochumstritten. Denn Fürsorge, Empathie und Zuwendung
gelten als essenzielle Bestandteile der Pflegearbeit, die als personenbezogene Dienst-
leistung technisch nur bedingt substituierbar ist. Befürchtet wird, dass durch die
zunehmende Automatisierung von Pflegeprozessen, nicht zuletzt angetrieben durch
ökonomische Zwänge, der zwischenmenschliche Kontakt als Kernelement guter Pflege
zunehmend erodieren könnte (vgl. Dibelius et al. 2006). Insofern stellt sich die Frage,
inwieweit der Kerngedanke der Robotik, nämlich die technische „Ersetzbarkeit mensch-
licher Handlungen“ (Decker 2013, S. 354), im Bereich der Pflege mit unseren morali-
schen Maßstäben überhaupt vereinbar ist.
Die Aussicht auf einen verbreiteten Robotereinsatz in der Pflege sorgt entsprechend,
und das auch zu Recht, für große moralische Verunsicherung. „Informierung, Orien-
tierung und Aufklärung der entsprechenden Debatten und Entscheidungsprozesse in
normativer Hinsicht“ (Grunwald 2013b, S. 239) erscheinen vor diesem Hintergrund
als wichtige Voraussetzung dafür, um auf gesellschaftlicher Ebene ethisch verantwort-
bare Entscheidungen treffen zu können (vgl. Grunwald 2013a, S. 3). Insofern fällt der
Technikethik (in diesem Fall speziell dem Teilbereich der Roboterethik, vgl. Loh 2017)
eine wichtige gesellschaftliche Orientierungsaufgabe zu. Allerdings hat die Ethik aus
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