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Wege zu verantwortungsvoller Forschung und Entwicklung …
sehr unterschiedliche Aufgaben infrage kommen (Gegenstände anreichen, Hebehilfe,
KommunikationsunterstĂĽtzung etc.). Hinsichtlich Form, Funktion und technischer
Komplexität sind diese unterschiedlichen Anwendungen nicht auf einen gemeinsamen
Nenner zu bringen. Es liegt auf der Hand, dass sich die Pflegerobotik demzufolge
nicht pauschal beurteilen lässt (was u. a. ein Grund dafür ist, weshalb der nivellie-
rende Begriff der Pflegerobotik unter Experten eher kritisch gesehen wird), sondern
nur mit einem differenzierten Blick auf die teils sehr verschiedenen Anwendungs-
typen und Nutzungskontexte.
Zusammengenommen haben die angesprochenen Schwierigkeiten zur Folge, dass die
ethischen Debatten zur Pflegerobotik stark um abstrakte begriffliche und vor allem spe-
kulative Erwägungen kreisen, deren empirische Prämissen häufig diffus bleiben. Was
normative Orientierungen angeht, lassen sich aus der ethischen Debatte nur einige sehr
grobe Anhaltspunkte ableiten. So spitzen sich die ethischen Probleme zu, je stärker auto-
nome Systeme in die personenbezogene Pflege eingreifen. Weitgehende EinmĂĽtigkeit
herrscht im ethischen Diskurs dahin gehend, dass das Szenario einer voll automatisierten
Pflege aufgrund der zentralen pflegerischen Bedeutung zwischenmenschlicher Inter-
aktion moralisch abzulehnen sei (vgl. z. B. Sparrow und Sparrow 2006). Allerdings
entspricht dies in der Regel nicht den Zielsetzungen der Entwicklungen, die ja gerade
versprechen, durch Entlastung von mühevollen Tätigkeiten mehr Raum für zwischen-
menschliche Begegnungen zu schaffen. Viel interessanter wäre deshalb zu erfahren,
wie mit den vielfältigen Ambivalenzen umzugehen ist, die beim Einsatz autonomer
Assistenzsysteme auftreten können – wichtige Fragen, die sich besonders bei Demenz-
patienten stellen, betreffen beispielsweise den möglichen Täuschungscharakter sozialer
Therapieroboter oder den Konflikt zwischen dem Schutz der Privatsphäre auf der einen
und sicherheitsbezogenen FĂĽrsorgeansprĂĽchen auf der anderen Seite (etwa im Zuge der
technischen Überwachung kognitiv eingeschränkter Personen) (Remmers 2016). Kon-
krete Handreichungen in Form normativer Standards oder Leitlinien, die dazu differen-
ziert Stellung nehmen, liegen jedoch bislang nur in sehr unspezifischer Form vor (vgl.
z. B. Manzeschke et al. 2013).
8.2.2 Upstream engagement als Lösungsansatz?
Die im letzten Abschnitt diskutierten Bewertungsprobleme sind fĂĽr die Pflegerobo-
tik nicht spezifisch, sondern verweisen auf eine grundlegende Problematik jeglicher
vorausschauenden Technikbewertung und -gestaltung: Eine Folgenabschätzung in der
Anfangsphase der Technologieentwicklung (upstream) ist mit einer höchst unsicheren
Bewertungsgrundlage konfrontiert, während diese in späteren Phasen mit zunehmender
Marktreife (downstream) zwar an Konkretheit gewinnt, wofĂĽr dann aber auch kaum
noch auf die Technologieentwicklung Einfluss genommen werden kann. Dieses nach
dem britischen Technikforscher David Collingridge (1982) benannte Dilemma wirft die
Frage auf, wie upstream engagement gelingen kann, wie also zu einem Zeitpunkt auf
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