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150 C. Kehl
technologische Entwicklungspfade eingewirkt werden kann, zu denen sie noch beein-
flussbar und ggf. korrigierbar sind. Dies gilt insbesondere fĂĽr ethisch hochsensible und
kontroverse Bereiche wie die Pflegerobotik, in denen nicht intendierte Folgen unter
Umständen besonders gravierende Konsequenzen haben können (andere Beispiele sind
die Nanotechnologie oder die Biomedizin).
Ein bereits seit längerem etablierter Ansatz in diesem Zusammenhang ist jener der
ELSI-Forschung (ELSI steht fĂĽr ethical, legal and social implications), der erstmals im
Rahmen des Humangenomprojekts in den 1990er Jahren zur Anwendung kam. Das Ziel
klassischer ELSI-Forschung ist es, ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten im Rah-
men interdisziplinärer Begleitforschung auf den Grund zu gehen, um so möglichen nega-
tiven Auswirkungen präventiv begegnen können, etwa durch die Schaffung geeigneter
regulativer Rahmenbedingungen. Vor allem biotechnologische Forschungsprogramme
wurden entsprechend mit komplementären ELSI-Aktivitäten ausgestattet. Im Laufe der
Jahre wurde jedoch auch zunehmend Kritik an diesem Ansatz laut, die sich insbesondere
an dessen Begleitforschungscharakter festmachte: Als reines wissenschaftliches Add-on
öffentlich geförderter Forschungs- und Entwicklungsprogramme seien ELSI-Forschun-
gen in der Regel zu sehr vom eigentlichen Forschungsgeschehen abgekoppelt (und
auch finanziell viel zu stark von diesem abhängig), um dieses kritisch hinterfragen,
geschweige denn konstruktiv beeinflussen zu können. ELSI laufe so letztendlich Gefahr,
„eine Art soziales Schmiermittel für eine möglichst nebenwirkungsfreie und reibungslose
Umsetzung von Forschung und Technologie“ (Rehmann-Sutter 2011, S. 55 ff.) zu sein.
RRI und andere verwandte Governanceansätze grenzen sich deshalb mehr oder
weniger dezidiert von der ELSI-Begleitforschung klassischen Typs ab.2 Statt ethische
und soziale Aspekte als externe Einflussfaktoren aufzufassen, also als bloĂźe Rahmen-
bedingungen der Technikentwicklung, sollen sie als Designfaktoren direkt in die
Gestaltung der Technologien einflieĂźen. Erforderlich dafĂĽr ist offensichtlich eine Ver-
schränkung ethisch-sozialer mit technisch-konstruktiven Fragen, was wiederum eine
enge Kollaboration zwischen ELSI-Forschern und wissenschaftlich-technischen Exper-
ten bedingt. Von Begleitforschung im eigentlichen Sinne lässt sich dann nicht mehr
sprechen – Ziel ist vielmehr „to increase social-ethical reflexivity within research
practices“ (Schomberg 2013, S. 27). Dass die praktische Umsetzung einer solchen
„governance from within“ (Fisher et al. 2006) schwierige methodische Fragen auf-
wirft, liegt auf der Hand. Es sind Disziplinen in einen Austausch zu bringen, die völ-
lig unterschiedlichen Wissenschaftskulturen angehören. Speziell die von einer
distanzierend-reflexiven Haltung geprägte Ethik ist herausgefordert, sich auf konkrete
technische Fragen und den engen Dialog mit empirisch arbeitenden Disziplinen einzu-
lassen (vgl. Stahl und Coeckelbergh 2016). Die Erwartungen an eine ethische Gestaltung
2Zu bemerken ist allerdings, dass die Abgrenzung zwischen der „klassischen“ ELSI-Forschung
und der sogenannten Post-ELSI-Forschung alles andere als scharf ist, umso mehr, als auch die
ELSI-Ansätze im Laufe der Zeit deutlich weiterentwickelt wurden, vgl. Rehmann-Sutter (2011).
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